Wegweiser fürs Naturerleben

Wir möchten unsere Begeisterung mit Ihnen teilen! Mit unseren RangerTipps öffnen wir Ihnen die Augen für Naturerlebnisse im Jahreslauf. Denn wie überall im Leben, ist auch in der Natur der richtige Zeitpunkt von entscheidender Bedeutung.

Lesen Sie, was Sie mit etwas Geduld und Glück entdecken können, was bemerkenswert ist in Brandenburgs Natur. Natur erleben nach Jahreszeit mit ganz besonderem Blick.

RangerTipps für den Mai

Diesmal von Ricarda Rath, Rangerin im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe - Brandenburg.

Köcherfliegenlarve
Spitzschlammschnecke
Ortolan
Graureiher
Mönchgrasmücke
Rotkehlchennest
Singdrossel
Höckerschwan
Aurorafalter an Wiesenschaumkraut
Backnelkenwurz
Feuchtwiese
Larvenhülle

Im Wandel der Zeit

Mit jedem neuen Jahr erleben wir die Renaissance des Frühlings. Alt vertraut und doch immer wieder so, als wäre es das erste Mal. Wohlige Wärme und lange Lichttage wecken die Lebensgeister, locken Fledermäuse aus ihren Schlafquartieren, bitten Bienen zum primären Sammelflug, stimmen unzählige Konzerte an. Der erste Amselabendgesang, welch ein Klang in wintermüden Ohren. Blüten verwandeln Wiese und Wald schon bald in kleine Farbenmeere, weiß, gelb, blau und wir erinnern uns genau an launige Kindertage mit Löwenzahnkränzen, gezupften Gänseblümchen und Kletterbäumen, in denen es summte und brummte. Wo sich Hummeln an Weidenblüten tummeln und Zitronenfalter flattern. Und heute? Wie oft stehen Sie noch völlig versunken, lauschen Rotbauchunken und genießen zeitvergessen die Natur? Sollte auch dies einer Erneuerung bedürfen, kommen hier Rangerbunte Anregungen. Machen Sie etwas daraus. Am besten im Schneckentempo.

Wasserbewohner

„Hier könnte ich stundenlang zusehen“, staunende Worte meiner Tochter, die seit zwanzig Minuten an einem Moorgraben hockt, den Blick konzentriert wasserwärts gerichtet. Da wimmelt es nur so vor kleinen Larven, die sich geschäftig an Algen laben. Es mögen hunderte sein, um die zwanzig erfasse ich auf einen Blick. Es scheint, als würden sich kleine Stöckchen oder Halme bewegen, an denen Steinchen und Muscheln kleben. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man kleine Insekten, die in einem Köcher stecken. Manche in langen Röhren, andere in noch kurzer Behausung. Und nach jeder Häutung wird angebaut. Wie sie das machen? Köcherfliegenlarven besitzen Spinndrüsen, produzieren Fäden, wickeln sie um ihren Körper und schon steht das Baugerüst, an dem sie die Materialien befestigen. Jeder fertige Köcher ein rustikaler Panzer im Schutz vor Feinden und zugleich einzigartiges Kunstwerk. Faszinierend individuell.

Durchs Pflanzengrün rudern Gelbrandkäfer, am Boden dümpeln Wasserskorpione, an der Oberfläche schweben Spitzschlammschnecken. Als Lungenatmer müssen sie an die Luft um Vorrat zu sammeln. An Sonnentagen sind alle Wasserbewohner leicht zu entdecken, das helle Licht lässt sie im glasklaren Nass erstrahlen. Bis auf den Grund. Entspannungskino á la Natur.

Beethoven-Vogel

Kennen Sie Beethoven? Was für eine Frage. Der berühmte Komponist, der auch ertaubt noch komponierte und mit klassischen Werken Weltruhm erlangte. Aber kennen Sie auch den Beethoven Vogel? In einem Roman begegnete mir dieser Vergleich und ja, ich finde ihn durchaus passend: der kleine Ortolan, ein unauffälliger Sänger mit einprägsamer Stimme. Sein „Di-di-di-dah“ klingt wie der Auftakt zur Fünften Sinfonie und wer weiß, ob nicht er den großen Meister inspirierte. Die bevorzugte Konzertbühne der kleinen Ammer sind hohe Singwarten in alten Baumalleen. Die passende Kulisse sind kleinräumige Ackerflächen mit sandigen Böden und krautigen Säumen. Ortolane bevorzugen Baumreihen alter Eichen am Getreidefeld, am liebsten ökologisch bearbeitet. Das Bodennest bleibt versteckt und unentdeckt, der Gesang aber, hat man ihn einmal im Ohr, prägt sich dauerhaft ein. Ortolane zwitschern sogar Dialekt. Je nach Region weichen die Strophen voneinander ab. Kenner können ein Lied davon singen.

Hoch hinaus

„Ein Reiher steht am Weiher“, so der Beginn eines munteren Kinderreimes, der uns das Bild des großen Grauen sofort vor Augen führt. Regungslos verharrt der Schreitvogel am Ufer. Hoch konzentriert, den spitzen Schnabel wasserwärts gerichtet, um blitzschnell zuzuschnappen. Oder beharrlich mit eingezogenem Kopf und in gebührendem Abstand zum benachbarten Artgenossen. Bei Wind und Wetter, wie die Wächter der Wildnis. Aber Reiher können auch anders: Munter geht es in ihren Brutkolonien zu. Wer sich im Frühjahr über urige unüberhörbare Laute wundert und diese nicht einordnen kann, hat vielleicht Kolonie hoch oben in den Wipfeln der Bäume entdeckt. Hierzulande werden die Horste meist in Kiefern errichtet. Eine WG auf Zeit, gemeinsam ist man stark. Streit ist allerdings an der Tagesordnung, denn gern stibitzen die einen das Nistmaterial der anderen. Droht jedoch Gefahr, wird zusammengehalten und der Feind mit vereinten Kräften verjagt.

Den Blick zum Himmel gerichtet, fallen die kreisenden Vögel schnell ins Auge. In diesen Tagen herrscht reger Flugbetrieb. Unermüdlich steuern sie die Kinderstube an, in der vier bis fünf Schreihälse hocken. Stellen Sie sich das mal fünfzigfach vor! Welch ein Spektakel. Brutkolonien von dieser Größe sind keine Seltenheit. Von geringer Zahl sind die Kolonien selbst. Alte gewässernahe Baumbestände mit einem geringen Maß an Störungen sind selten. Und so manche Reiherkolonie wird Opfer maskierter Räuber: Waschbären sind talentierte Kletterer und haben schon einige WGs ausgeräubert. Die Nester selbst sind gut getarnt. Lockere Reisighaufen, einfach verbaut. Dann und wann fliegen sie mit Ästen an, um ein wenig auszubessern. Zum Ende des Monats turnt der Nachwuchs neugierig in den Bäumen herum und wird schon bald ausfliegen.

Lichtspiele

Der Morgen begrüßt den Tag mit einem goldenen Sonnenaufgang. Gerade ist der Leuchtstern in kräftigem Orange über den Horizont geklettert und für einen kurzen Moment erstrahlt die Hundertjährige in feurigem Rampenlicht. Gerade so, als würde ein Scheinwerfer allein auf sie gerichtet sein. Die mächtige Eichenkrone, ein rotgoldener Sonnenball. Für ein paar Minuten. Schnell ist der Zauber verflogen, die Sonne steigt hinauf, nimmt ihren Lauf und all das frische Laub wird lichtdurchflutet in ein lindgrünes Farbenmeer getaucht. Diese Stimmung muss man einfach genießen. „Morgenstund hat Gold im Mund“, im wahrsten Sinne des Wortes. Ganz entgegen der eigentlichen Botschaft dieses Sprichwortes, lässt es sich am Morgen nicht nur gut arbeiten, sondern auch relaxen. Gehen Sie entspannt in den Tag.

Gartenkonzerte

Vielleicht auch mit einem Morgenkonzert. Die Bühnen des Landes beherbergen eindrucksvolle Solisten, lautstarke Bands und trommelnde Instrumentaltalente. Gerade rauscht die Spatzenbande vorbei und landet mit großem Gezeter in der Gartenhecke. Auf einem Ast vor dem Fenster hockt das Rotkehlchen. Sein Gesang mit melancholischem Klang, wird gern in der Dämmerung vorgetragen. Ganz anders die Mönchgrasmücke. Ihr melodisches Geplauder erklingt den ganzen Tag und geht eindringlich ins Ohr. Aus dem Wald klingt das Trommeln der Spechte herüber, am nahen Teich werden Wasserfrösche munter, einer lauter als der andere, aber immer in gleichem Ton. Das ausgiebige Quaken hat nur einen Zweck: die Partnerwahl. Darüber ist das Rotkehlchen längst hinaus, vier kleine Eier liegen im Nest, nun heißt es brüten und behüten. Die Singdrossel ist da schon weiter. Sie sammelt unermüdlich im Garten Würmer, um hungrige Mäuler zu stopfen, die schon bald munter durch die Wiese hüpfen. Der Lauf des Lebens, immer wieder neu, immer wieder schön und hoffnungsvoll.

Und noch viel mehr ...

Junge Dachse verlassen in der Maidämmerung erstmals ihren Bau. Droht Gefahr, geben die Eltern alles und verteidigen sie gegen jeden Feind. Der freche Dachs ist also eher mutig als dreist und kämpft für seinen Nachwuchs sogar gegen größere Raubtiere. Friedlicher geht es auf Gräben und Tümpeln zu. Enten und Höckerschwäne laben sich an Wasserlinsen, die auf der Oberfläche nährstoffreicher Gewässer ganze Teppiche bilden. Der stolze Schwan wirkt auch dann noch anmutig, wenn er einem Staubsauger gleich die kleinen Pflänzchen von der Wasseroberfläche schlürft. Auf Uferwiesen erstrahlt das Wiesenschaumkraut in reinem Weiß, aus der Nähe betrachtet mit rosafarbenen oder violetten Touch. Aurorafalter schweben von Blüte zu Blüte. Für den orangeweißen Schmetterling ist der Kreuzblütler die wichtigste Nahrungspflanze. Ein Potpourri aus rosaroter Bachnelkenwurz, knallgelbem Hahnenfuß und violetten Knabenkräutern verwandelt Moorwiesen in eine bunte Farbpallette. Sumpfdotterblumen wecken Kindheitserinnerungen an Ausflüge zum See. Barfuß wateten wir durch scharfkantige Seggenwiesen und bestaunten das Gewimmel von Kaulquappen in mitgebrachten Einweckgläsern. Gerade schlüpfen Libellen aus ihrer Larvenhaut. Smaragdfarben starten die Drachenfliegen zum Jungfernflug und lassen ihre Hüllen an Uferpflanzen zurück. Wer sie entdecken will, braucht Ruhe und vielleicht kindliche Neugier.

Starten Sie also ein Comeback. Der Wonnemonat bietet lange Wochenenden und natürliche Vielfalt sowieso. Und ja, das Schneckentempo. Auch Weinbergschnecken kann man mit viel Muße ausgiebig betrachten.

Fotos: Ricarda Rath, Jorina Rath (Höckerschwan), Hans-Jürgen Kelm (Ortolan)