RangerTippsWegweiser fürs Naturerleben

Wie überall im Leben ist auch in der Natur der richtige Zeitpunkt von entscheidender Bedeutung. Lesen Sie, was Sie mit etwas Geduld und Glück entdecken können, was bemerkenswert ist in Brandenburgs Natur. Natur erleben nach Jahreszeit mit ganz besonderem Blick, das sind die RangerTipps.

RangerTipps für den Oktober

von Ricarda Rath, Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg

Ein Blick in die Kronen Anfang Oktober.
Herbstliche Stimmung.
Gelb-orangene Buchen.
Das Laub fällt nach dem ersten Frost.
Schwefelkopf.
Cremeweiße Pilzbüschel leuchten auf den gefallenen Buchen.
Buchenschleimrübling in Gruppe ...
... und einer von nahem.
Einer der Farbtupfer im Herbst: das Rotkehlchen.
Kraniche auf dem Weg zum Schlafplatz.
Kraniche in Nebelwiesen ...
... und im letzten Dämmerlicht.
Stare sammeln sich gern auf Freileitungen.

WunschRegen

"Gestalten kann nur, wer die Dinge versteht". Worte des Expeditionsleiters, der mit einem Team aus Wissenschaftlern Mitte September ins Nordpolarmeer aufbrach, um die Auswirkungen des Klimawandels weiter zu erforschen. Wärmer wird es in der Arktis und das mit gravierenden Auswirkungen für uns alle. Der zweite Trockensommer in Folge stimmt nachdenklich, doch der Oktober beginnt hoffnungsvoll mit ausgiebigem Regen. Endlich mehr als nur ein kurzer Schauer, ein bedrohliches Gewitter oder unbedeutender Niesel. Ausdauernder Landregen, so sehr habe ich mich selten über Regen gefreut. Wie ein Geschenk zum Geburtstag, das die leeren Wassertanks ein wenig füllt.

Blätterfall überall?

Der Trockensommer hat seine Spuren hinterlassen. Laublose Birken im Juli, vertrocknete Buchen im August, fahlgrüne Eichen im September. Die Natur leidet still - aber spürbar. Für alle, die sehen und gut beobachten, vermitteln raschelnde Blätter unter den Füßen keine Indian Summer Romantik, sondern zeugen von viel zu früh gefallenem Laub. Trocken und brüchig. Zum Glück nicht überall und so zeigt sich der Blätterfall vielerorts in seinen schönsten Farben. Leuchtend gelber Ahorn strahlt mit der Sonne um die Wette, rotvioletter Wein ist an Häuserwänden eine Pracht, gelborange leuchtet es aus dem Kronendach intakter Buchen. Der erste Frost wird zu kollektivem Massenfall führen, aber noch hält es viele am Baum. Sie tauchen die Landschaft in ein farbenfrohes Kleid.

Symbiose im Verborgenen

Als hätte der Regen den Startschuss gegeben, sprießen am Fuße der Bäume die Pilze. Fruchtkörper, an die Oberfläche geschickt. Ritterlinge, Schwefelkopf, Fliegenpilz und Schopftintling, die Welt der Schattenwesen geht weit über die von Maronen, Pfifferlingen und Steinpilzen hinaus. Lecker die einen, ungenießbar die anderen, manche hochgiftig. Vielen gemeinsam ist ein wunderbares Bündnis mit Bäumen. Unterirdisches Pilzgeflecht umschließt die Wurzeln mit feinen Fäden und ermöglicht den hölzernen Riesen eine bessere Nährstoffversorgung. Die Pilze erhalten lebenswichtigen Zucker, den sie durch fehlendes Blattgrün selbst nicht bilden. Was dem einen fehlt, gibt ihm der andere. Heute weiß man, dass die Partner miteinander kommunizieren und Bäume ihr Nährstoffbedürfnis mitteilen. Manche haben sogar ihren ganz eigenen Pilz. Birken etwa, oder Goldröhrlinge, die in Gemeinschaft mit Lärchen wachsen. Dem Wald gibt diese Vielfalt Stabilität, für uns ist der erscheinende Reichtum an Farben und Formen eine Augenweide und manche begehrtes Sammelobjekt.

Buchen suchen

Schon aus der Ferne leuchten mir die cremeweißen Pilzbüschel auf den gefallenen Buchen entgegen. Die stattlichen Stämme gingen schon vor einigen Jahren mit gewaltigem Krach zu Boden. Was hier fällt, bleibt liegen. Kreuz und quer. Dazwischen Sträucher und Bäume, Groß und klein. Ein Dschungelwald, spannend nicht nur für Kinder. Hier wartet hinter jedem Baum ein Abenteuer, so scheint es. Besonders anziehend sind Baumpilze, die serienmäßig sprießen und ganze Stämme schmücken. Waldarbeiter, die mit feinen Fäden das Holz durchdringen und es nach und nach aufarbeiten. Zerlegt in ihre Einzelteile, fließen die Nährstoffe der Bäume in den Kreislauf des Waldes zurück, bilden Boden für neues Leben. Der Buchenschleimrübling ist einer dieser Holzarbeiter. Einmal alte Buchen zu suchen, ist ein lohnendes Ziel.

Reiche Ernte

In der Birnenallee sind emsige Erntehelfer zu beobachten. Geflügelte zumeist, manche einzeln, andere in Scharen. Ein Kolkrabe lässt im Flug seine Beute fallen. Mit großer Wucht zerplatzt die Frucht beim Aufprall auf den Asphalt. Er sucht das Weite, wird aber gleich wiederkommen. Am Boden saugen Schmetterlinge an Früchten, stärken sich vielleicht für einen langen Wanderflug. Immer häufiger aber überwintern Admiralfalter in unseren Breiten und werden so zu echten Frühlingsboten: Wer hier als Falter überwintert, ist Erster. Ein Anzeichen für Veränderung: Der Admiral zählte bislang ausschließlich zu den Wanderfaltern.

Dass mir in der Erntezeit zu wenig Zeit bleibt, hat sich unter den Gartenbewohnern offenbar herumgesprochen. Amseln ernten den letzten Wein. Kleine saftige Trauben, die sie auf dem Rand des Hochbeetes verspeisen. Ich teile gern und freue mich beim morgendlichen Blick aus dem Fenster über die kleinen Diebe, die flatternd mit dem Schnabel an den Beeren zerren. Ein anderer Hochbeet-Besucher durchwühlt den Minikompost nach Würmern: Das Rotkehlchen, an regnerischen Tagen ein echter Farbtupfer.

Mit den Junior Rangern beobachte ich Eichelhäher, die kreischend durch den Schulpark fliegen und Vorräte sammeln. Als die Kinder hören, dass die Vögel mit ihrem Ruf andere Tiere warnen und darum Waldpolizisten sind, entgegnen sie wie selbstverständlich, die haben mit ihren blauen Federn ja auch eine Dienstbekleidung. Na klar, warum bin ich da noch nie drauf gekommen? Es kann so einfach sein.

Großer Vogelzug

Als ich Mitte September meine Pause im Freien verbringe, wandert mein Blick unwillkürlich nach oben. Nasale Rufe haben den Impuls ausgelöst, die ersten Nordischen sind da und mit ihnen der Herbst. Jetzt teilen sich Bless- und Saatgänse den Zughimmel mit den Kranichen. Kein Monat ist so untrennbar mit den Großen Grauen verbunden wie der Oktober. Lange Kranichketten ziehen über das Land und besonders gespannt darf man am Abend sein, wenn die Vögel von ihren Tagesrastflächen an die Schlafplätze fliegen. Schon von weitem dringen die trompetenden Flugrufe an das Ohr der Beobachter, die gebannt auf ihre Ankunft warten. Und dann erscheinen sie in langen Ketten am Abendhimmel, Hals und Beine ausgestreckt, unverwechselbar. Über dem Landeplatz löst sich der Zugverband auf, die Vögel kreisen, strecken ihre Beine wie ein Fahrwerk nach unten und trudeln wie Fallschirmspringer zu Boden. Gerade kommen dreihundert Kraniche, danach ein Familienverband und wieder ein kleiner Trupp von Fünfundzwanzig. Unter den Heimischen sind in diesem Jahr viele kinderlose Paare, zu trocken waren Frühjahr und Sommer.

Oft teilen sich Kraniche den Schlafplatz im flachen Wasser mit Gänsen, hier sind sie vor Fuchs und Wildschwein sicher. In enger Nachbarschaft verbringen Stare die Nacht. Bevor sie zu Tausenden in faszinierenden Formationen ins Schilf einfallen, dienen die Freileitungen der Umgebung als Vorsammelplatz.

Kapitän Natur

Im Eismeer wird sich das Forschungsschiff ohne festen Kurs treiben lassen. Kapitän Natur übernimmt das Ruder. Eine schöne Vorstellung und sogar umsetzbar. Im eigenen Zuhause sind wir der Kapitän und wer seinen Garten winterfest macht, wird hoffentlich an Jene denken, die im Freien überwintern. In einer geschützten Ecke Laubhaufen für Igel anlegen, Stauden erst im Frühjahr beräumen, Blütenstände nicht abschneiden. Ihre Samen sind Vogelfutter und auch Insekten finden in Pflanzenstängeln sichere Quartiere für die frostige Zeit.

So weit ist es noch nicht, heute regnet es. In der Onlinepresse lese ich, „Wir sagen Ihnen, wann der Regen endlich aufhört“. Endlich aufhört? Im Vergleich zur langen Trockenzeit hat er doch gerade erst begonnen. Wieder einmal fühle ich mich in meiner Arbeit als Rangerin bestätigt, die Begeisterung weckt, eigenes Erleben schafft und Zusammenhänge erkennen lässt. Zum Beispiel den, dass durch akuten Wassermangel in der Natur irgendwann auch unsere Wasserhähne versiegen können. Kenntnis schafft Verständnis, auch für anhaltende Regentage, an denen die bunten Farben des Herbstes erst kräftig strahlen. Jeder Tropfen füllt die Reserven und wie heißt es so schön? Es gibt kein schlechtes Wetter, alles ist eine Frage der Kleidung und vielleicht auch der inneren Einstellung. Tragen Sie wasserfest am Körper, bunt im Herzen und schaffen Sie sich glückliche Momente in der Natur. Kraniche im Abendlicht, Meister Bockert auf der Spur, Faszination Vogelzug, nur einige von zahlreichen Rangertouren im Oktober. Wir wär´s? Wir freuen uns auf Sie.

Text und Fotos: Ricarda Rath