RangerTipps: Wegweiser fürs Naturerleben

Wie überall im Leben ist auch in der Natur der richtige Zeitpunkt von entscheidender Bedeutung. Lesen Sie, was Sie mit etwas Geduld und Glück entdecken können, was bemerkenswert ist in Brandenburgs Natur. Natur erleben nach Jahreszeit mit ganz besonderem Blick, das sind die RangerTipps.

RangerTipps für den Mai

Diesmal von Ricarda Rath, Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe - Brandenburg.

Leise Reise

Schnee im Mai.
Exuvie an Seggen.
Exuvie im Detail.
Plattbauch
Großer Fuchs
Aurorafalter
Weißstorch
Blaumeise
Zaunkönig
Mink
Graugänse
Sumpfdotterblume
Laubsänger
Wasserhahnenfuß

"Ich steh im Schnee", kommt es mir spontan in den Sinn, als ich mich in einer nicht endenden Wolke aus weißen Wattebauschen wiederfinde. Leiser Wind trägt sie von einer riesigen Pappel nordwärts durch die Luft. Meine Hand im Flockenwirbel ausgestreckt, lasse ich sie durch die Finger gleiten und staune wie ein Kind. Hunderte, ja tausende Flocken schweben an diesem Frühlingstag vor königsblauem Himmel durch die Nachmittagssonne. Eine Wonne ihnen dabei zuzusehen. Zu meinen Füßen ein weißer Watteteppich. Hier landen die Kurzgereisten. Manche dieser wolligen Haarbündel tragen ihre Samen kilometerweit durch die Luft. Minifallschirme mit idealen Flugbedingungen. Wo werden sie ankommen, bleiben, fortbestehen?

Der Mai steht wie kein anderer Monat für Aufbruch und Neubeginn. In der Blüte seines Lebens strotzt der Frühling mit üppigen Farben und Formen. Ein Garten Eden, der jenen Kraftquell ist, die sich besinnen. Auf die Faszination der einfachen Dinge, wie der Reise unzähliger Pappelsamen.

Mit glänzenden Flügeln

Wer mit den Sinnen eines Entdeckers durch die Landschaft geht, wird auf jedem Spaziergang ein kleines Abenteuer erleben. Mit dem Blick fürs Detail stoßen wir auf faszinierende Lebensgeschichten, erkennen auf den zweiten Blick vielleicht jemand ganz anderen als erwartet, oder werden Zaungäste kunstvoller Fangvorführungen und anstrengender Fütterungsmarathons.

Am Weiher stehen die Seggen in voller Blüte. Ein kleiner Anschubser genügt und schon löst sich eine gelbe Staubwolke vom Blütenstand. Ein schönes Bildmotiv. Im Focus meiner Kamera entdecke ich dann ein kleines Detail, das ich sonst vielleicht übersehen hätte. Die Hülle einer Insektenlarve. Hier hat sich vor einiger Zeit etwas Wundervolles zugetragen: der Schlupf einer Großlibelle. An sonnigen Tagen klettern ihre Larven an Uferpflanzen empor, um sich ein letztes Mal zu häuten. Die kleinen Monsterähnlichen Tierchen verankern ihre Zehen in der Pflanze, erhöhen den Körperinnendruck und schon platzt der Panzer auf.

Nun nimmt das Wunder seinen Lauf. Nach und nach schiebt sich die Libelle aus ihrer starren Hülle. Es braucht einige Zeit um sich aus dem Hautpanzer zu befreien. Die Muskulatur ist noch schlaff und es fehlt an Kraft. Hat sie es endlich geschafft, muss der Körper in der Sonne trocknen. Erst dann kann sich die Libelle zum Jungfernflug in die Lüfte erheben. Besonders nach Schlechtwetterphasen kommt es an sonnigen Tagen zum Massenschlupf. Unter der Wasseroberfläche warten die Larven geduldig auf den einen Moment, der ihr Leben von Grund auf verändert. Von einer unscheinbaren Larve zur wunderhübschen Großlibelle mit glänzenden Flügeln.

Auf den zweiten Blick

Kennen Sie das? Nicht immer verrät der erste Blick das, was man von ihm erwartet. Erst bei näherer Betrachtung prüfen wir genau was wir sehen. So geschehen an einem Tag zur schönsten Schlehenblüte. Während einer Deichtour Hummeln und Wildbienen auf der Spur, gaukelte aus der Ferne ein Schmetterling heran, der mich sofort bannte. Kleiner Fuchs dachte ich spontan, an diesem Ort durchaus vorstellbar. Früher in jedem Garten, kann man heute lange auf den knallorangen Falter warten. Ich folge ihm mit den Augen und denke, dieser hier sieht anders aus. Größer und mattfarben.

Zu meiner Freude lässt er sich kurz auf den Schlehen nieder. Fantastisch, meine Augen haben einen Großen Fuchs gefangen und damit ist mir an diesem Tag eine seltene Beobachtung gelungen! Der Schmetterling des Jahres 2018 macht sich rar und ist heute leider etwas Besonderes. Intensivierte Bewirtschaftungen, eine chemisierte und hochtechnologische Land- und Forstwirtschaft setzen ihm wie vielen anderen zu. Der Falter bildet nur eine Generation, dieser hier ist ein Überwinterer, vielleicht von weither eingeflogen. Auch Schmetterlinge führen ein spannendes Insektenleben. Ihre Eier haben die Frühlingsfalter nun ringförmig an Laubbäume gelegt, bald schlüpfen daraus schwarzorange Raupen, die sich fortan durchs Laubwerk fressen. Es lohnt sich also, auch die Zweige von Weiden und Pappeln einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Die Männchen der Aurorafalter sind dagegen leicht zu erkennen. Schon im gaukelnden Flug leuchten die orangen Flügelspitzen von weitem. Und doch hat die Sache auch hier einen Haken. Was die Herren der Schöpfung an Farbe bieten, fehlt den Damen. Die Aurorafalterweibchen sind oberseits weiß gezeichnet und können im Vorbeiflug leicht mit anderen Weißlingsarten verwechselt werden. Erst die Unterseite verrät ihre wahre Identität. Die kleinen Falter haben eine Vorliebe für Wiesenschaumkraut. Und so kann man sie jetzt häufig in Feucht- und Frischwiesen erleben. Flatternd im Sonnenschein, bei der Paarung auf einer Pflanze oder sogar bei der Eiablage.

Und watet durch die Sümpfe ...

Im Deichvorland entdecke ich einen Weißstorch in den Wiesen der Elbe. Wie im bekannten Kinderlied schreitet er auf Nahrungssuche majestätisch durch das Flachwasser. Stören lässt sich Meister Adebar nicht und so setze ich mich einen Moment ins Gras, um ihm zuzusehen. Mit scharfem Blick und abwärts gerichteten Schnabel durchzieht er den Wiesengrund. Wie am Fließband wiederholt sich die immer gleiche Szene. Blitzschnell zugeschnappt, den Kopf Nackenwärts und schon purzelt im halboffenen Schnabel ein Insekt von der Pinzettenspitze in Richtung Schlund. Nein, da möchte man kein Käfer sein oder was auch immer. Und doch bewundere ich seine Fähigkeit, mit einem starren, langen Schnabel eine derart filigrane Beute zu machen.

Und dann ist da noch die Blaumeise am Stadtrand im Scheunentor. Sie davor und dahinter eine ganze Kinderschar, die unermüdlich um Futter bettelt. Im Akkord fliegt das kleine Vögelchen heran und trägt Futter zum Nest. Mal gelbbraune, mal grüne Raupen, kleine Engerlinge und Würmer. Ein ausdauernder Futtermarathon, ob sie dafür auch trainiert? Instinktiv kümmern sich Meiseneltern um ihren Nachwuchs, wie so viele in diesen Tagen.

Kleiner Räuber

Mittagspause am Fluss. Nur ein paar Schritte und ich stehe am Wasser. Am Ufer trägt ein Zaunkönig seine Strophen vor. Laut und kräftig, mit aufgestelltem Schwanz auf hoher Warte. Das große Revier des kleinen Vogels will schließlich verteidigt sein. Als ich seinem Abflug augenscheinlich folge, huscht etwas durchs Unterholz und verschwindet hinter einem Baum. Schon taucht es wieder auf, Mardergröße dunkelbraun, beinahe schwarz. Ein Mink hat hier sein Revier bezogen. Und ehe ich ihn richtig beobachten kann, taucht er blitzschnell ein um schon nach kurzer Zeit mit fetter Beute wieder anzulanden. Laut schmatzend verspeist er seinen Fang - so beschäftigt, dass er mich nicht bemerkt.

Nach der Fischmahlzeit ein Sprung ins Wasser. Plötzlich erscheint er am anderen Ufer und ehe ich es richtig sehe, steht der kleine Räuber direkt vor mir. Verharrt neugierig, wägt kurz ab und verschwindet dann, man glaubt es kaum, blitzschnell in einem alten Höhlenbaum. Der Amerikanische Nerz, hier als Mink bekannt, hat sich unser Land im Fluge erobert. Einst ein Gefangenschaftsflüchtling aus Pelztierfarmen, ist er heute überall heimisch. Niedlich anzuschauen und doch ein gnadenloser Jäger auf Wasservögel, Möwen, Kleinsäugetiere.

Die Beobachtung des possierlichen Tieres mit Fischotterähnlichem Geschick ist dennoch imposant und mir geht durch den Sinn, das dieser hier nicht wie seine Vorfahren in Käfigen ein kurzes Dasein fristet. Wie so oft hatte der Mensch die Hand im Spiel und sorgte für das Ungleichgewicht der Natur. Da hilft es nur, mit langfristigen Schutzprogrammen kleine Bausteine der Heilung zu setzen.

Mai kühl und nass ...

Der Spätfrühling lässt Sommervorfreude wachsen. Doch soll sich der Vorjährige wiederholen? Die Wetterinterviews unserer vielfältigen Medienlandschaft zeigten Ostern strahlende Menschen, die ihrer Freude über ein sonnendurchflutetes warmes Frühsommerfest Ausdruck verliehen. Und ja, nach diesem trübnassen Winter lebe auch ich so richtig auf. Doch wünschte ich mir kritische Zwischentöne, denn immer noch ist es viel zu trocken, sind die Speicher leer, nicht aufgefüllt. Ein erneuter Dürresommer käme einem Drama gleich. "Mai kühl und nass, füllt dem Bauern Scheun und Fass" - und die Wassertanks der Natur. Der Wonnemonat gilt auch als Weidemonat mit reichlich Futterangebot und das kann nur wachsen, wenn Regen unser Leben nährt. Und das regt sich an vielen Orten. Grauganseltern führen ihre Jungen über den See, Sumpfdotterblumen leuchten aus Nasswiesen, kleine Laubsänger musizieren unter dem Bühnendach lichtgrüner Buchenwälder und aus Gräben leuchtet ein weißes Blütenmeer aus Wasserhahnenfuß. 

Am Wald stehe ich immer noch im Flockenwirbel unzähliger Samenwölkchen. Die Pappelfrau weiß genau, wie sie ihre Art erhalten kann. Aus dem grünweißen Wiesenteppich ragen am Wegesrand Löwenzahnblüten heraus. Die einen noch knallgelb, die anderen mit kugelrunden grauweißen Pusteblumenköpfen. Auch sie treibt der Südwind fort. Eine Möglichkeit sich zu verbreiten, wenn man mit seinem Standort fest verwurzelt ist. Ihr Weitflugpotenzial ist auf einen Kilometer begrenzt. Wie sieht es mit Ihrem Leistungsvermögen aus? Ein durchwachsener, wohl temperierter Mai bietet ideales Wanderwetter. Und die Natur dankt es mit üppigem Leben, ein Garten Eden.

Text: Ricarda Rath, Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe - Brandenburg
Fotos: Jorina Rath (Hahnenfuß, Laubsänger), Ricarda Rath