RangerTipps: Wegweiser fürs Naturerleben

Wie überall im Leben ist auch in der Natur der richtige Zeitpunkt von entscheidender Bedeutung. Lesen Sie, was Sie mit etwas Geduld und Glück entdecken können, was bemerkenswert ist in Brandenburgs Natur. Natur erleben nach Jahreszeit mit ganz besonderem Blick, das sind die RangerTipps.

RangerTipps für den November

Diesmal von Ricarda Rath, Rangerin im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg.

Meise am Sonnenblumen-Buffet.
Herbstliche Blätterpracht.
Teppich aus Buchenlaub.
Lichtspiele.
Eichelhäher im Geäst.
Kleiber, mal nicht kopfüber.
Gartenbaumläufer.
Nährboden Totholz.
Hallimasch.
Striegelige Tramete.
Zunderschwamm.
Das Wintergoldhähnchen.
Singschwäne.

Novembergrau statt Oktobergolden?

Der goldene Oktober ist nicht nur golden, weil er ein kunterbuntes Farbspektakel verspricht, sondern auch, weil wir die gelbrotorange Blätterpracht in wärmender Herbstsonne genießen. Letzte Schmetterlinge gaukeln, Schwebfliegen summen vor Efeublüten, Meisen plündern tellergroße Sonnenblumenköpfe.

Und der November, trist und grau? Die Natur kommt zur Ruhe und schaltet auf Sparflamme. Die Sonne wärmt kaum noch und doch durchstrahlt sie das kunterbunte Blätterdach wohltuend. Die wundervollen Lichtspiele werden aufgeführt, bis knackiger Frost den kollektiven Laubfall auslöst. Bisher purzelten sie einzeln, Tag für Tag. Nun leuchten alle am Boden und der kupferfarbene Teppich eines Buchenwaldes ist allemal einen Spaziergang wert. Und ja, auch mystisch graue Nebeltage machen den Elften und seinen Zauber aus. Ein gut durchmischter Farbenmonat, der berührend schöne Erlebnisse verspricht.

Fette Beute im FrüchteReich

Ratschendes Spektakel lässt mich aufschrecken. Da ist was los in meiner Hundertjährigen. Wie gesät liegen die Eicheln unter dem Baum und ich glaube kaum, was ich da sehe: Vier zeternde Eichelhäher sind sich offenbar nicht einig, wer welche Frucht nach Hause tragen darf. Zwei flattern lautstark im Geäst, der freudige Dritte erntet heimlich am Boden und Nummer vier landet mit einer dicken Eichel im Schnabel im Fliederbusch. Zwischenstation in sicherer Entfernung. Wo die Früchte wohl bleiben? Der Frühling wird zeigen, welche sie im Winter nicht aus ihren Verstecken holten. Hin und wieder gehen Eichenbäumchen in Gärten auf und mancher wundert sich, wie sie dahin gerieten. Muntere Rabenvögel als ahnungslose Pflanzaktivisten. Das gilt übrigens auch für Eichhörnchen, die für die Verbreitung von Nussbäumen sorgen.

Klopfzeichen

Später lenkt mich ein dauerhaftes Klopfen von der Hofarbeit ab. Kein Specht, dafür ist es viel zu leise. Ein Blick in die Krone der alten Robinie verrät nichts, kein Instrumentalmusiker zu entdecken. Langsam nähere ich mich und bemerke im Geäst einen Kleiber, der unermüdlich auf die gefurchte Borke einhämmert. Bloß gut, das er einen kräftigen Schnabel hat. Und siehe da, nur einen kurzen Moment später zieht der blaugraue Vogel eine stattliche Käferlarve heraus und lässt sich den fetten Happen schmecken.

Perfekt getarnt läuft jetzt ein Gartenbaumläufer den Stamm empor. Ganz leise, mucksmäuschenstill. Sein getupftes Federkleid ist so gut angepasst, dass er kaum zu entdecken ist. Ein Zufall, dass ich schon da war, den Baum im Blick. Der Blaumeisen große Vogel sucht mit seinem dünnen, länglich gebogenen Schnabel die Rinde ab und erwischt auch die kleinste Spalte. Und das in Windeseile, als hätte er eine Norm zu brechen.

Totes Holz?

Erinnern Sie sich noch? Vor einem Jahr fegte Sturmtief Xavier über Brandenburg hinweg und hinterließ eine recht eigenwillige Landschaftsgestaltung. Unzählige umgestürzte Bäume, abgebrochene Totholzstämme, haufenweise heruntergefallene Äste. Riesige Wurzelteller ragten plötzlich aus übernässten Böden, Stämme lagen kreuz und quer. Binnen weniger Minuten wurde aus manchem Wirtschaftsforst ein wilder Wald.

Mensch und Maschine beräumten rasch und kamen doch kaum hinterher. Hier und da blieb der Windbruch liegen, wurden Stämme nur beiseite geräumt. Werden sie dort bleiben? Wer räumt eigentlich die Reste weg, wenn wir es nicht tun?

Ist ein Baum abgestorben, ziehen schon bald zahlreiche Bewohner ein. Klein, unscheinbar, kaum augenfällig unter der Borke versteckt. Asseln, Käfer, Tausendfüßer. Sie alle fressen sich durch das Holz, nutzen es als Brutstätte und Winterversteck. Eine gut gefüllte Vorratskammer für Specht und Co, aus der sie sich nun ausgiebig bedienen. Pilze durchdringen das Holz und sorgen mit ihrem feinen Geflecht ebenso für Aufarbeitung. Nur dauert es viel länger als mit Maschinenkraft, folgt dem Rhythmus der Natur, verbleibt im Wald und ist Nährboden für Neues. Grundlage für ein stabiles Waldsystem. Je artenreicher, umso gesünder, lautet die einfache Formel. Wussten Sie, dass mehr als eintausend Pilzarten allein vom Totholz leben? Hallimasch, Trameten und Zunderschwamm verleihen dem Wald zudem ein märchenhaft wild romantisches Antlitz.

Munterer Winzling

Wintergoldhähnchen sind unsere Kleinsten, nicht viel schwerer als ein Zuckerstückchen und damit der Floh unter den heimischen Singvögeln. Knallgelber Scheitel, große Kulleraugen und eine Mundwinkelähnliche Zeichnung, die sie immer etwas schmollend aussehen lässt. Niedlich, denke ich beim Anblick eines wuselnden Schwarms, der durch das gelbe Laubwerk junger Ahornbäumchen fegt.

Links, rechts, über mir: Überall hüpft, springt und flattert es. Man weiß gar nicht wo man zuerst hinschauen soll. Dieser Winzling ist eine Herausforderung für jeden Hobbyfotografen. Kaum hat man einen fokussiert, ist er auch schon wieder fort. Gelingt ein beobachtender Blick, scheint es, als würden sie an den Blättern zupfen. Für uns kaum sichtbar sammeln sie klitzekleine Insekten ab, meist an der Blattunterseite, was ihre Akrobatik erklärt. Außerhalb der Brutzeit trifft man Goldhähnchen auch in Laubgehölzen an, für gewöhnlich sind sie in Nadelbaumbeständen zuhause.

Kommen und Gehen

Die einen sind noch nicht weg, die anderen wieder da. Es ist Ende Oktober als ich die ersten Singschwäne auf dem Moorsee entdecke. Pünktlich zur Uhrenumstellung ist mit den Schneeweißen die Winterzeit unweigerlich angebrochen. Ich lausche ihrem melancholischen Gesang, der mit zunehmender Helligkeit kräftiger wird. Mystisch schwimmen sie im Morgennebel über den See, den die Sonne für einen Moment in gelboranges Licht taucht. Frühaufsteher sind Schwäne nicht, sie machen sich erst auf den Weg, wenn Bläss- und Saatgänse längst auf ihren Futterflächen angekommen sind.

Und die Kraniche? Auch sie begrüßen trompetend den Tag. Knapp zweitausend waren es hier Anfang November. Wann werden sie weiterziehen? Im vergangenen Jahr haben sich einige Hundert fürs Dableiben entschieden. Es ist beste Sonntagsfrühstückzeit, als auch der letzte Schwan den See verlassen hat. Nun ist es still, bis das Artentrio am Abend wiederkehren wird. Die einen zum Sonnenuntergang, die anderen bei nachtblauem Himmel.

Im Bann der Jahreszeiten

Seit Millionen von Jahren bestimmt das Licht den Rhythmus der Natur, auch den unseren. Arbeiten im Hellen, ausruhen im Dunkeln. Aber halten wir uns auch daran? Künstliche Lichtquellen ermöglichen Geschäftigkeit rund um die Uhr. Beleuchtete Städte, taghelle Hallen, lichtdurchflutete Räume. Gearbeitet wird drinnen statt draußen, auch bei Nacht. Fernsehen, Notebook und Smartphone bestimmen zudem den Tagesausklang Vieler. Ein Leben gegen die innere Uhr, das Menschen zunehmend Probleme bereitet.

Dabei kann es doch so einfach sein. Die Laubbäume machen es vor, direkt vor unseren Augen. Wo wenig Licht, kein Chlorophyll, wo kein Chlorophyll, keine grünen Blätter. Sie zeigen bunt und fallen ab, segeln sanft zu Boden. Ruhezeit um Kraft zu tanken. Und was heißt das für uns? Den Arbeitstag mit dem Tageslicht beschließen, seinen Feierabend an frischer Luft genießen, das Fernsehen mal gegen ein Buch eintauschen, den Geräuschen der Natur lauschen oder einfach mal gar nichts tun und ausruhen. Winterzeit heißt Ruhezeit, machen Sie etwas daraus.

Text und Fotos: Ricarda Rath