Wegweiser fürs Naturerleben

Wir möchten unsere Begeisterung mit Ihnen teilen! Mit unseren RangerTipps öffnen wir Ihnen die Augen für Naturerlebnisse im Jahreslauf. Denn wie überall im Leben, ist auch in der Natur der richtige Zeitpunkt von entscheidender Bedeutung.

Lesen Sie, was Sie mit etwas Geduld und Glück entdecken können, was bemerkenswert ist in Brandenburgs Natur. Natur erleben nach Jahreszeit mit ganz besonderem Blick.

RangerTipps für den September

Diesmal von Ricarda Rath, Rangerin im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg.

Vier Generationen

In diesem Jahr ist vieles anders und manches habe ich so noch nicht erlebt. Vom Dürresommer ist die Rede, kaum Regen auf Märkischem Sand und nicht selten begibt sich dieser windgetrieben auf Wanderschaft. Ende August sprach der mediale Meteorologe von einem Sommer, den selbst unsere Ur-Urgroßväter so noch nicht erlebten.

Vier Generationen? Welch eine Dimension, das dürfte diesem Super-Sommer einen bitteren Beigeschmack geben. Anerkannte Forscher sagen, es gäbe keinen wirksamen Klimaschutz, obwohl alle darüber reden. Was machen kommende Generationen daraus? Gibt es ein Umdenken, werden sie anders lenken? Die Weichen stellen wir, die Generation der Gegenwart. Eigenes Erleben bindet und weckt den Wunsch zu bewahren, was der blaue Planet an Wundervollem zu bieten hat. Vor der Haustür und darüber hinaus.

Des einen Freud ...

Landregen ist auch Anfang September nicht in Sicht, der fehlende Niederschlag beschert uns staubtrockene Wälder, deren Durchschreiten, wenngleich erlaubt, von lautem Rascheln begleitet wird. Unter den Füßen brüchiges Laub, wie man es aus dem Spätherbst kennt. Im Verborgenen wachsen Pilzgeflechte nur spärlich heran und vielerorts wird man ihre Maronen, Steinpilze und Pfifferlinge in diesem Herbst vergebens suchen. Dagegen begegnen uns orangegelbe Riesen, die aus den Stämmen ehrwürdiger Laubbäume wachsen. Das hübsche Antlitz des kräftig leuchtenden Schwefelporlings täuscht allerdings nicht darüber hinweg, das hier ein Baum leise langsam seinen Abschied nimmt.

Während uns die vertrauten Weißstörche Mitte August verlassen, hält es ihre scheuen Verwandten etwas länger im Brutgebiet. Majestätisch durchschreiten sie waldnahe Weiher, Tümpel und Teiche oder verharren regungslos. In Flusstälern werden Frühaufsteher belohnt. Wie Wächter der Wildnis stehen fünf, sechs, sieben oder sogar acht Schwarzstörche in morgendlicher Ruhe auf den Deichen von Elbe und Oder. An sonnenwarmen Tagen nutzen sie die Thermik und schrauben sich langsam kreisend in die Luft. Immer höher, bis das Auge nur noch einen kleinen Punkt am weißblauen Himmel erfasst. Nur wenige bekommen den scheuen Waldstorch je zu Gesicht. Umso kurioser, das in diesem Sommer ihre Vorsicht dem Überlebenswillen weicht und meiner Tochter ein Schnappschuss aus dem Schulbus gelang. Im flachen Dorfweiher am Ortseingang nutzen sie gemeinsam mit Reihern den Amphibienreichtum, der hier noch vorhanden ist.

Anders in temporären Gewässern zwischen den Deichen. Zusehends schwinden die Wasserflächen und das Ausharren ihrer Bewohner wurde nicht belohnt. Hundertfach liegen Muscheln, Schlamm- und Posthornschnecken auf dem Trockenen. Armdicke Aale schmoren schlammgetrocknet auf ausgedörrten Böden in der Sonne. Wie Geier warten Reiher auf ihre Gelegenheit und versammeln sich in Erwartung fetter Beute. Auch das ist Natur, des einen Freud ist des anderen Leid. Da gibt es keine Gnade.

FlötenTöne

Die Zeit des Vogelzugs hat begonnen und während Kraniche laut trompetend und Graugänse munter schnatternd auf sich aufmerksam machen, geht der Zug vieler Watvögel weitgehend unbemerkt vor sich. Größere Schwärme akrobatisch fliegender Kiebitze entgehen uns nicht, kleine Trupps anderer Arten fallen dagegen kaum ins Auge, sondern gehen ins Ohr: Flötentöne, wie sie Rot- und Grünschenkel oder Flussuferläufer intonieren, jeder mit eigenem Klang. Einmal aufgeschreckt, suchen sie pfeifend das Weite.

Kurz gehört und nicht gesehen, eigentlich schade, denn es lohnt sich ein ausdauernder Blick. Dazu braucht es nicht viel. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort, ein Fernglas dabei, etwas Geduld im Gepäck und der Erfolg liegt nah. An Flüssen und Moorseen, dort wo es sich gut stochern lässt. Einen Trupp nahrungssuchender Bekassinen aufzuspüren, ist ein kleines Glück. Immer wieder faszinieren die Meister der Tarnung, die mit ihrem Umfeld verschmelzen und den bleistiftlangen Schnabel gekonnt im Schlick einsetzen: stochern, orten, tasten, zuschnappen. Alles zugleich. Unermüdlich stöbern die taubengroßen Vögel Leckerbissen auf und sind dabei immer auf der Hut. Die kleinste Störung und nach Schnepfenmanier fliegen sie wie auf Kommando mit einem kräftigen „rätsch“ blitzschnell davon.

Einzug der Kolibris?

Mitte Juli tauchen sie auf. Schwirrende Minivögel in Gärten und auf Balkonen. So scheint es jedenfalls. Taubenschwänzchen! Die kleinen Exoten saugen unermüdlich an Phlox, Petunien und Sommerflieder. Wo blaue, rote und violette Blüten sind, da sind auch sie. Im Gegensatz zu anderen Vertretern ihrer Zunft landen die Hummelgroßen Brummer aber auf keiner Blüte, denn ihr überlanger Rüssel ermöglicht die Nektarernte im Flug. Dabei schlagen sie so schnell mit den Flügeln, dass sie Kolibrigleich in der Luft stehen. Das Taubenschwänzchen ist ein Wanderfalter, den es in tropischen Sommern bis in den Norden führt. Ist es trocken und warm, fliegen sie einfach weiter, ergründen neues Land und vermehren sich. Im Spätsommer vermischen sich eingewanderte Falter mit denen, die hier ihre Entwicklung nahmen. Zwei Generationen und wer dann wer ist, lässt sich nicht mehr ergründen. Nie zuvor sah ich so viele wie in diesem Jahr. Ihr ständiger Flug bedarf viel Energie und so ist das Taubenschwänzchen pausenlos auf Blütenbesuch. Wer ihm dabei zuschauen will, muss schnell sein. Im Sekundentakt geht es von Blüte zu Blüte. Dafür kann man die Uhr danach stellen. Wer den Wanderfalter einige Tage beobachtet wird bemerken, dass er immer wieder zur gleichen Zeit auftaucht. Mal über den Tag verteilt, oft nur in den Abendstunden. Ja, auch Tiere haben ihre Gewohnheiten.

Goldene Vielfalt

Weißling ist nicht gleich Weißling und ein gelber Schmetterling ist nicht immer automatisch ein Zitronenfalter. Fragt man Kinder, welche Schmetterlinge sie kennen, kommt es wie aus einem Mund: Zitronenfalter, die Nummer Eins. Den großen Knallgelben kennt jeder. Weil er als Falter überwintert, gehört er zu den ersten im Jahr und der Farbtupfer in trister Landschaft fällt auf. Dass nur die Männchen knallgelb leuchten ist weniger bekannt, das weißgelbe Weibchen bleibt oft unbeachtet. Und dann gibt es unter den Gelblingen einen, der in diesem Spätsommer häufig anzutreffen ist: die Goldene Acht. Dieser Sommer ist wie für sie gemacht, die Falter lieben es warm und trocken. Auf der Suche nach Nektarquellen legen die hübschen Gelblinge weite Strecken zurück, besuchen naturnahe Wiesen und Weiden, Trockenbiotope und Kleefelder. Bis in den Oktober hinein. Unverkennbar ist die Zeichnung auf der Unterseite ihrer hinteren Flügel. Wer genau hinsieht, erkennt eine Acht.

Zeit des Wandels

Der späte Sommer ist ein früher Herbst. Bald wird es wieder bunt und ich freue mich auf die goldene Zeit. Und doch ist es ein Ausnahmejahr. Die weiß leuchtenden Sandbänke der Elbe sind nicht von sattgrünen Wiesen umrahmt, sonnenverbranntes Deichland prägt das Bild. Kaum vorstellbar, das Störche hier genügend Nahrung fanden. Während wir sehnlichst auf Niederschläge warten, regnet es Blätter von Bäumen. Verfrüht auf Reisen geschickt und vom warmen Wind raschelnd zusammengewirbelt. Und doch überwiegt die Freude an Farbtupfern: sonnengelber Wiesenalant zwischen Buhnensteinen, knallorange Kürbisse im Garten, tellergroße Sonnenblumen. Schon bald öffnet der Efeu seine kugelige Nektarbar. Eine Besonderheit in der floralen Welt und Nahrungsquell für unzählige Insekten.

Auf nächtlichen Waldlichtungen treiben Rothirsche ihr Harem zusammen und röhren um die Rangordnung. Es wird wieder gekämpft und Geweihe rasseln schonungslos aneinander. Wie wär`s mit einer Beobachtungstour, vielleicht mit unseren Rangern? Am besten in einer Vollmondnacht.

Kleine Momente, eine Stunde, ein halber Tag. Vom kurzen Blick in der Mittagspause bis zur ausgiebigen Tagestour, in Brandenburgs Naturlandschaften gibt es viel zu entdecken. Täglich verschwinden in der Bundesrepublik freie Flächen von der Größe fünfundachtzig Fußballfelder. Eine schockierende Zahl und allemal ein Grund, diesen Schatz sicher zu bewahren. Wer sägt schon an dem Ast auf dem er sitzt?

Und dann sind da noch kletterfreudige Laubfrösche, die an sonnigen Tagen aus Bäumen und Sträuchern rufen, junge Füchse, die neugierig ihre Welt erkunden, Eichhörnchen die in Gärten Nüsse stibitzen, Eichelhäher, die ihre Vorratslager mit Baumfrüchten füllen und ja, der leise Beginn des Farbenspiels. Grün steht für die Hoffnung, Rot vermittelt Lebensfreude, Gelb sorgt für sonnige Heiterkeit. Es ist wieder soweit. Der goldene Herbst hält Einzug. Haben Sie eine schöne Zeit.

Text und Fotos: Ricarda Rath