RangerTippsWegweiser fürs Naturerleben

Wie überall im Leben ist auch in der Natur der richtige Zeitpunkt von entscheidender Bedeutung. Lesen Sie, was Sie mit etwas Geduld und Glück entdecken können, was bemerkenswert ist in Brandenburgs Natur. Natur erleben nach Jahreszeit mit ganz besonderem Blick, das sind die RangerTipps.

RangerTipps im November

von Ricarda Rath, Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg

Ein Blick ...
in den Novembermorgen.
Zu sehen sind (mit Glück) der Eisvogel,
Singschwäne,
auch im Abflug.
Vielleicht noch Igel.
Hier einer im Laub.
Ein Zaunkönig.
Ein Seeadler!
Die Schönheit des Zunderschwammes ...
erkennt, wer genau hinschaut.
Novemberblues? Von wegen!

Ruhetage im Nebelmonat

Wolkenverhangen beginnt der Tag sein Dämmerlicht, nur langsam lösen sich die Baumsilhouetten aus der morgendlichen Dunkelheit. Tropfnass stehen Bäume und Sträucher in tiefgrauer Landschaft. Nieselregen fällt auf die Blätter, perlt ab und tropft zu Boden. Ein Novembertag wie er im Buche steht. Kaum jemanden zieht es vor die Tür und doch nimmt alles seinen gedämpften Lauf. Kurzen Tagen folgen lange Nächte. Ich genieße die Ruhestimmung, sie macht zufrieden, schenkt Geborgenheit. Der Zeitenwandel bedeutet Verlangsamung, unaufgeregt still, beinahe besänftigend. Kraft tanken für das kommende Jahr. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich`s sein", geht es mir spontan durch den Kopf. Auch jetzt, wenn der Winter spürbar wird. Vorfreude auf stille Tage. Jetzt wird belohnt, wer sich trister Landschaft anvertraut, die gar nicht so trostlos ist, wie sie scheint. Beobachtungen im Nebelmonat können bunt, erlebnisreich und faszinierend sein. Und ja, auch ein bisschen mystisch.

Bunter Vogel

Ein Spaziergang am Moor. Nebel hängt in den Wiesen, wabernd schaukeln tropfnasse Spinnennetze zwischen den Halmen. Im Schilf angeln Bartmeisen akrobatisch nach Samen. Gedankenversunken folge ich meinem Weg, genieße die Ruhe, bis ein lautes Pfeifen die Stille durchbricht. Ein vertrauter Klang, sofort lenke ich meinen Gang in seine Richtung. Schnell muss man sein um ihm zu folgen und hoffen, dass sich der schillernd bunte Rufer auf einem nahen Ansitz niederlässt. Heute habe ich Glück. Der Eisvogel landet nicht nur auf einem Ast am nahen Graben, er verweilt auch eine Weile dort und lässt sich wunderbar beobachten. Das türkisblaue Rückengefieder und die rostbraune Brust sind weithin sichtbar. Ein Exot unter den Hiergebliebenen, der im Winter ausharrt und nur bei Eisbedingtem Nahrungsmangel sein Revier verlässt. Und solange Gräben, Flüsse und Seen Eisfrei bleiben, schnellen Eisvögel als farbenfrohe Stimmungsboten durch die Laublose Landschaft.

Zwischen zwei Welten

Gerade angekommen sind die Meister der Melancholie. Für sie ist der Herbst Aufbruchszeit. Singschwäne pendeln zwischen zwei Welten. Die eine, Brutheimat im fernen Sibirien, die andere, das Winterdomizil vor unserer Tür. Aus den wilden Weiten der Taiga, in die brandenburgische Kulturlandschaft. Dort rasten die Schneeweißen Sänger in den Niederungen von Elbe, Havel und Oder, um in ihrer Heimat dem strengen Winter zu entfliehen. Seit einigen Jahren überwintern sie zudem in Seengebieten der Bergbaufolgelandschaften. Jetzt im Herbst, bevorzugen Singschwäne Überflutungsflächen mit überstauten Grünland. Dort gibt es Nahrung und das flache Wasser schützt vor Feinden. Tag und Nacht an einem Ort, das spart Energie, denn man weiß ja nie, ob man doch weiterziehen muss. Etwa, bei einem starken Wintereinbruch. Liegen Tagesrastplatz und Schlafgewässer an verschiedenen Orten, pendeln die Vögel zweimal am Tag. Frühe Flieger sind sie nicht. Sie machen sich erst auf den Weg, wenn Bläss- und Saatgänse längst aufgebrochen sind. Zurück in abendlicher Dämmerung, wird ihr Flug von melancholisch klingendem Singen begleitet, da liegt die Namensgebung nah. Singschwäne gelten als ausgesprochen ruffreudig, ihr Stimmrepertoire ist vielseitig. Tiefe und hohe Töne, nasal leise und zart, posaunenartig laut und trompetend, obwohl letzteres Instrumental den Kranichen vorbehalten ist. Eigentlich plappern Singschwäne die ganze Nacht hindurch und ich frage mich, wann sie wohl schlafen.

Auf Sparflamme

Füchse bleiben munter, Dachse begeben sich zur Ruhe, Igel halten Winterschlaf. Für die Stacheligen ist mit dem November die Schlafenszeit gekommen. Der Speiseplan ist dürftig, die Nahrung knapp. Die Abnahme des Tageslichts und eine innere Uhr signalisieren zudem, jetzt ist Schlafenszeit. Um diese unbeschadet zu überstehen, müssen sie gut genährt und vital in die Winterzeit gehen. Wussten sie, dass die Männchen früher schlafen? Igelmütter brauchen noch etwas Zeit, um sich von der anstrengenden Jungenaufzucht zu erholen. Eine Begegnung im Spätherbst, nicht ausgeschlossen. Ein erwachsener Igel sollte neunhundert, ein Jungtier mindestens sechshundert Gramm auf die Waage bringen um den langen Winter zu überstehen. Gute Chancen hat, wer unter Wohlfühlbedingungen leben kann, wie sie zum Beispiel ein naturnaher Garten bietet. Abwechslungsreich und mit reich gedecktem Tisch. Gemischte Hecken zum Verstecken, wilde Wiesen, ein flacher Teich mit Ausstieg, hier und da Totholzstapel, ein Komposthaufen und reichlich Laub für das Winterquartier. Wer jetzt noch Igel sieht, sollte sie im Auge behalten. Katzenfutter und ein Schälchen Wasser helfen, auch ein Gerüst aus Ästen und Zweigen, überdeckt mit Laub, damit sich der Igel einkugeln kann. Und Vorsicht bei winterlicher Gartenarbeit oder der Nutzung des Holzstapels für den Ofen. Hier könnte immer auch ein Igel schlafen.

König der Lüfte

Als ich am frühen Morgen an den Moorsee komme, herrscht reger Flugbetrieb. Etwa sechstausend Gänse kreisen mit lautem Getöse über dem Wasser. Sie scheinen unruhig, fliegen ab, kehren zurück, landen erneut, fliegen wieder auf. Im ersten Dämmerlicht erkenne ich nicht viel, einzig die Silhouetten schneeweißer Silberreiher, die wie gewohnt das Uferband säumen. Wächter der Wildnis, geht es mir schmunzelnd durch den Kopf. Es dauert eine Weile bis Ruhe einkehrt. Ein Teil der Zugvögel ist aufgebrochen, etwa dreitausend schwimmen wieder auf dem See. Nun höre ich auch Pfeifenten, den Ruf einer Wasserralle, das Schnattern der Stockenten, einen Zaunkönig aus nahem Geäst. Bis es wieder lauter wird. Jetzt entdecke ich auch den Grund für die Panik. Mitten im Pulk wilder Gänse, zeichnet sich die Form eines Greifvogels ab. Des Größten bei uns. Brettartige Flügel, vorgestreckter Kopf, kräftiger Hakenschnabel. Ein Seeadler mischt hier gerade die Gänsewelt auf und sorgt für Aufruhr. Mittlerweile ist hell geworden, die Gänse ziehen ab. Der Seeadler, ein Altvogel mit hellem Kopf und weißem Schwanz, hat sich auf einem Totbaum niedergelassen. Nun hat er den Überblick und ich den Anblick im Fernglasfokus. Wie eine Majestät thront er königlich da oben. Mit scharfem Blick, ebensolchen Krallen und einer Stattlichkeit, die mich staunen lässt. Fisch möchte man nicht sein, denn offenbar steht ihm heute nicht der Sinn nach Wassergeflügel. Jagende Seeadler sind selten zu beobachten, weil sie ihr natürliches Jagdverhalten nur unbeobachtet zeigen. Bewundernd ziehe ich mich zurück und lasse der Natur ihren Lauf.

WunderZunder

Wussten Sie, dass schon Gletschermann „Ötzi“ ein Stück Zunderschwamm bei sich hatte? Und das vor mehr als fünftausend Jahren. „Das brennt wie Zunder“, eine Redewendung, die wohl jeder kennt. Was heute kein großes Thema mehr ist, war für unsere Vorfahren eine echte Herausforderung. Um Feuer zu machen suchten sie nach Hilfsmitteln in der Natur und fanden sie in diesem Baumpilz. Getrocknet leicht brennbar und vorrätig vorhanden. Und nicht nur das. Das korkähnliche Material des Zunderschwamms diente zudem als Rohstoff für zahlreiche Produkte. Ob Alltagsgegenstände oder Kleidungsstücke, seine vielseitige Nutzung brachte sogar das Gewerbe des „Schwammschnitts“ hervor. Heute kaum noch vorstellbar, sucht man große Exemplare des Baumpilzes doch oft vergebens. Intensive Holzwirtschaft und die Umwandlung durchmischter Laubwälder in monotone Forsten verdrängte den Zunderschwamm, der im Naturhaushalt die Rolle eines Aufräumers übernimmt. Er besiedelt schwache, kranke und absterbende Bäume, an gesunden hat er keine Chance. Natürliche Selektion, die der Stärkung der Waldvitalität dient. In den dunklen Monaten, wenn Farben und Formen Raritäten sind, werden die Konsolenpilze zu Hinguckern. Erst recht, wenn kleine Farbtupfer ihr Antlitz verschönern. Zum Beispiel knallgelbe.

Novemberblues?

Der Novembernebel hat seine Arbeit getan. Hell wurde es doch noch an diesem Tag. Am Nachmittag durchstrahlte die Sonne das goldgelbe Buchendach, ein kurzes Intermezzo. Im Garten ernten Wintervögel Samen, an den Kornkammern letzter Sonnenblumen geht es hoch her. Der Herbst steht für Ernte und Einkehr, der Winter ist Ruhezeit. Erst im Frühling erwacht neues Leben und der Sommer gibt Fülle und Lebenskraft. Was man immer hat wird gewöhnlich, was sich rarmacht bleibt begehrt. Genießen Sie die stillen Tage und freuen sich auf Kommendes. Vielleicht auf lohnenden Schnee, der sich wie ein schützender Mantel über die Landschaft legt. Und während frostrote Nasen die Gesichter zieren, befreien wärmende Gedanken Ströme und Bäche vom Eis, wie es einst Goethe beschrieb. Und wer jetzt mit dem Novemberblues einen Ohrwurm hat, wird ihn durch Ablenkung wieder los. Ein Spaziergang an frischer Luft wirkt Wunder, erst recht, wenn er mit Naturbeobachtungen verbunden ist.