RangerTipps: Wegweiser fürs Naturerleben

Wie überall im Leben ist auch in der Natur der richtige Zeitpunkt von entscheidender Bedeutung. Lesen Sie, was Sie mit etwas Geduld und Glück entdecken können, was bemerkenswert ist in Brandenburgs Natur. Natur erleben nach Jahreszeit mit ganz besonderem Blick, das sind die RangerTipps.

RangerTipps für den März

Diesmal von Ricarda Rath, Rangerin im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg

Konzertfrühling!

Sonnenaufgang.
Kranichformation im Morgenrot.
Graugans.
Moorfrösche.
Zitronenfalter.
Rotmilane.
Weidenblüte und Besucher.
Gartenbaumläufer.
Schwanzmeisen.
Blick in den Märzwald.
Buschwindröschen.
Sonnenuntergang.

Jedes Freiluftkonzert einer prominenten Band beginnt mit einer Vorgruppe, die nicht ganz so populär ist wie die eigentlichen Stars. Durchaus talentiert und für die Starbühne geeignet, doch in diesem Moment dafür da, ein erwartungsvolles Publikum auf das große Konzert einzustimmen. In diesem Jahr ist der Vorfrühling so ein kleiner Star. Früh zeigte er sein Können und heizte seinem Publikum mit wärmenden Sonnenstrahlen ein. Und das genoss den gelungenen Auftakt: gaukelnde Schmetterlinge, balzende Milane, brummende Hummelköniginnen, Feuerwanzen beim Sonnenbad und die ersten Marienkäfer am lichthellen Sonntagsfenster. Und wir? Wir genießen all das und sind gespannt, ob das lang ersehnte Frühlingskonzert ein ganz großes wird.

StarTrompeter

Und das beginnt an einem Märztag schon früh am Morgen. Wenn der rote Sonnenball den Silbermond allmählich verblassen lässt, wird es am Schlafplatz lebendig. Hunderte Kraniche trompeten das Signal zum baldigen Aufbruch in den Morgen. Weit hallt es vom flachen See durch das Moor und vom nahen Torfstich antwortet ein Brutpaar, das hier zuhause ist. Sieben sind es insgesamt und schon Anfang Mai werden sie mit ihrem Nachwuchs durch die Wiesen streifen. Wenn alles gut geht, führt jedes Elternpaar zwei zimtbraune Küken.

Die Hunderte aber, manchmal sind es sogar Tausende, werden schon bald weiterziehen. Ihre Brutheimat ist noch fern. Aufgeregt springen sie in die Luft, breiten tanzend die Flügel aus und werfen trompetend den Kopf in den Nacken, als würden sie sich einsingen. Ähnlich einem Orchester, das sich gerade einspielt. Jede Instrumentengruppe für sich, bunt durcheinander. Und während einige Trupps abwarten, stehen andere kurz vor dem  Start und erheben sich plötzlich in die Luft. Lange Kranichketten am orangen Wolkenhimmel, wohl strukturiert und methodisch sortiert. Einer im Windschatten des anderen. Spätestens jetzt werden die Langschläfer unter den Dorfbewohnern wach trompetet. Und wer seine vier Wände nicht zur Dämmerung gegen den Morgensee eintauschen kann, bekommt am Abend eine zweite Chance. Dann kehren die großen Grauen von ihren Tagesrastflächen zurück, um im Schutze des Wassers die Nacht zu verbringen. 

Himmelblaue Frühlingsboten

Dazwischen ertönt Gänsegeschnatter aus Wiesen, blubbern Moorfrösche in Tümpeln, flattern Zitronenfalter durch die Luft, bessern Weißstorche Nester aus, trommeln Spechte um die Wette, umschwirren Bienen und Hummeln Weidenblüten, ertönen leise Weisen aus dem Geäst. Im Monat zwischen Kommen und Gehen, Hören und Sehen, stehen unzählige Aufführungen auf dem Konzertprogramm und füllen sich Farbpaletten wieder bunt. Bei den Moorfröschen wird jetzt Himmelblau angemischt. So scheint es jedenfalls. In Wahrheit sind es nur die Hormone. Zusätzliche Flüssigkeit schwemmt die Froschhaut auf und lässt sie durch Lichtbrechung blau erscheinen. So beeindrucken die Männchen nicht nur mit königlichem Blau, sondern machen auch eine überaus gute Figur. Welches Weibchen kann da schon widerstehen. Und entgegen ihrer Namensgebung beobachtet man Moorfrösche in vielen Lebensräumen, nur nass müssen sie sein. Laichgewässer sind flache Tümpel von Sümpfen, Auwäldern, Wiesen und naturnahen Teichen. Schwerer ist es da schon, den richtigen Moment der blaufarbenen Paarungszeit zu erwischen. Am besten ist es, das Hochzeitsgewässer einige Tage im Auge zu behalten.

Meister der Tarnung

Gegen Mittag huscht ein kleiner Vogel an der Terrasse vorbei und landet am benachbarten Baum. Man sieht ihn kaum und ohne Fernglas wäre er wohl nicht zu entdecken. Rasch läuft er den Stamm hinauf und beinahe ist es, als würde er vor dem Hintergrund der Rinde verschwinden. Magie? Wohl kaum. Hier hat Malerin Natur bewusst auf eine auffallende Farbgebung verzichtet. Das braune Gefieder mit hellen Nuancen ist eine perfekte Tarnung im Lebensraum Baum. Gartenbaumläufer leben direkt in unserer Nähe und bleiben doch oft unbemerkt. Klein und unscheinbar, sind die Vögel ständig auf Nahrungssuche. Kein Problem, wenn man über einen gebogenen Pinzettenschnabel verfügt, der ideal dafür geeignet ist, Insekten aus noch so kleinen Borkenspalten zu ziehen. Die Schwanzfedern sind eine gute Stütze, die langen Krallen geben Halt. Am Boden sind Baumläufer eher selten zu sehen, sie klettern lieber an Bäumen. Und wer die kleinen Akrobaten nicht mit den Augen findet, spitzt die Ohren: Die Stimme der zierlichen Leichtgewichte ist sehr markant und klingt jetzt vielerorts durch Parks und Gärten.

VogelKino mit Logenplatz

Je später der Winter, desto schöner die Gäste? Nicht unbedingt, aber zum Ende der kargen Jahreszeit zieht es die Vögel zunehmend ans Futterhaus. Früchte und Samen sind aufgebraucht, tierische Nahrung noch spärlich. Zu den Dauergästen gesellen sich Rückkehrer und Durchziehende, sie alle nehmen unsere Futterspenden gerne an. Ende Februar tummelten sich an meinem Futterplatz fünf Kohlmeisen, zwei Kleiber, ein Buchfink, ein Wintergoldhähnchen, zwei Sumpfmeisen, ein Buntspecht, drei Blaumeisen, zwei Amseln, ein Rotkehlchen, zwei Eichelhäher sowie eine ganze Spatzenschar. Vogelkino mit Logenplatz. Das allein ist schon spannend, doch immer wieder gehe ich ans Fenster und hoffe auf die kleinen Gäste, die neuerdings im Sextett auftreten. Während die anderen häufig erscheinen, lassen sie sich nur ab und an blicken. Starallüren oder purer Instinkt? Die lebhaften Vögel bleiben nie lange an einem Ort und sind immer in Bewegung. Endlich, putzmunter hüpfen am Nachmittag sechs Schwanzmeisen im Geäst, hängen akrobatisch am Futterring, sitzen am gefüllten Silo und schaukeln mit den Futterstäben um die Wette. Ab und an wird aufmerksam aufgeschaut und wie auf Kommando sind die possierlichen Tiere so schnell verschwunden wie gekommen. Viele Fressfeinde mahnen zur Vorsicht.

In den letzten Jahren hat sich unser Landschaftsbild weitgehend verändert. Monotone Ackerflächen, fehlende Blühstreifen, zu wenig alte Insektenreiche Bäume. Wo das natürliche Nahrungsangebot fehlt, empfehlen sich mancherorts Ganzjahresfütterungen. Noch besser ist ein wilder Garten, blütenreich und kunterbunt.

Die Saison ist eröffnet

Auf den Naturbühnen des Landes wird wieder gesungen und getanzt. Solisten, Chöre, Akrobaten und natürlich jene, die sich ihrer Instrumente bedienen. Zu den auffälligsten Aufführungen gehört der Kranichtanz. Flügelschlagende Luftsprünge bei denen Pflanzenteile und Steinchen durch die Luft wirbeln, begleitet von eindrucksvollen Duett beider Partner. Wo sie kurz darauf zur Brut schreiten, strahlen Frühblüher durchs Unterholz. Buschwindröschen bilden ganze Teppiche, ein Schlaraffenland für Insekten. Und auch ein karger Laubwald besticht mit seinen Formen. Lohnend ist ein Blick in den Himmel. Kolkraben vollziehen akrobatische Balzflüge, sogar eine Drehung um die eigene Achse ist dabei. Im Schilf von Tümpeln, Teichen bauen Graugänse ihre Nester. Heimlich und gut getarnt. Aufbruchstimmung und Abschied nehmen, das ist der März. Während die nordischen Gänse in ihre Brutgebiete ziehen, erwarten wir täglich Rückkehrer. Wann wird die erste Rauchschwalbe dabei sein?

Schon nähert sich der Abend und am Kranichsee geben Starenschwärme ein beeindruckendes Schauspiel. Drei Silberreiher landen am Ufer und die erste Fledermaus flattert im Dämmerlicht vor der Silhouette des Waldes. Aus der Ferne künden sich die Trompeter an. Und dann erscheinen die Stars des Abends und mit ihrem Einflug beginnt ein kraftvolles Freiluftkonzert.