Wegweiser fürs Naturerleben

Wir möchten unsere Begeisterung mit Ihnen teilen! Mit unseren RangerTipps öffnen wir Ihnen die Augen für Naturerlebnisse im Jahreslauf. Denn wie überall im Leben, ist auch in der Natur der richtige Zeitpunkt von entscheidender Bedeutung.

Lesen Sie, was Sie mit etwas Geduld und Glück entdecken können, was bemerkenswert ist in Brandenburgs Natur. Natur erleben nach Jahreszeit mit ganz besonderem Blick.

RangerTipps für den Juni

Diesmal wieder von Ricarda Rath, Rangerin im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe - Brandenburg.

Kleiner Fuchs.
Ligusterschwärmer.
Lindenblüten.
Wollgras.
Schmalbock.
Spitzenfleck.
Klappertopf.
Steinschmätzer-Nachwuchs.

LebensWasser

Wonnemonat oder Sonnemonat? Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen verzeichneten wir in Berlin-Brandenburg den wärmsten und Sonnenreichsten Mai seit 1865. Unglaublich: Erst das viele Nass und nun das. Ein ungewöhnliches Wetterhoch bescherte uns diesen Hochsommerfrühling. Und während die einen unbekümmert an Badestränden plantschen, sehen die anderen mit Sorge in notreife Felder und zehrende Wälder. Wie schnell sich das leuchtende Grün wandelt und die Blüten von heute schon morgen die von gestern sind. Während Blumenwiesen in märkischem Sand rasch verdursten, nutzen Baumriesen Vorjahresreserven. Noch trotzen tausende kräftig grüne Blätter der alten Eiche regenlosen Tropentagen. Doch die schlappen Pflanzen darunter künden von dringendem Regenbedarf. Wasser erhält unser Leben. Wird der Juni es ausreichend geben? Hoffentlich.

Nachtschwärmer

Wo viele Blüten sind, flattern uns Schmetterlinge um die Ohren. Doch in diesem Jahr machen sich die Gaukler rar. Die Pflanzen investieren nur spärlich und so werden auch die zu Wanderfaltern, die eigentlich gar keine sind. Weite Wege zur lohnenden Weide und neben blühenden Bäumen sind es auch Hecken, in denen wir sie entdecken. Rosarote Wildrosenblüten, leuchtend weißer Liguster, purpurrote Kartoffelrosen. Orangerot zieht der Kleine Fuchs alle Blicke auf sich. Prächtig strahlt er in die Welt und gefällt. Wussten Sie, dass er einen großen Bruder hat? Beide Falter ähneln sich sehr, sind in ihren Ansprüchen aber grundverschieden. Während der kleinere beinahe überall zurechtkommt, bevorzugt der Große Fuchs Waldsäume und lichte Wälder. Der Schmetterling des Jahres, vielleicht entdecken Sie ihn.

Mit der Abenddämmerung gehen Tagfalter schlafen. Jetzt erwachen die nachtaktiven und deren Vielfalt geht weit über die der Motten hinaus. Getanzt wird unter Straßenlaternen, vor beleuchteten Fensterbänken oder im Schein der Taschenlampen. In einer Vielfalt aus Farbe und Form, die mich manchmal an tanzende Flugdrachen erinnert: Große dicke, schmale dünne, torpedoförmig, etwas plump, auffällig bunt, oder schlicht einfarbig. Manchmal glänzend, zuweilen stumpf, aber immer mit kräftigen Fühlern, mit denen die Nachtschwärmer riechen. Der Duft als Schlüssel zum Glück, ob auf Nahrungssuche oder bei der Partnerwahl. Verrückt, was die so können.

Und wer meint, in der Nacht schlummern Hecken unbemerkt vor sich hin, der irrt. Auffälligster Besucher ist ein Riese unter den Nachtfaltern, der Ligusterschwärmer. Er heftet seine Eier ans Ligusterblatt, ihre grasgrünen Raupen fressen sich daran satt und werden auch tagsüber gefunden. Der Falter selbst macht sich rar und ist nur selten zu entdecken. Einen Nachtspaziergang ist es wert.

LebensQuell

Süßer Robinienduft erfüllte die Luft nur wenige Tage. Prunkvoll hingen die weißen Blütentrauben hundertfach an den Zweigen und es summte und brummte, als hätte sich die gesamte Insektenwelt darin versammelt. Längst hat der Wind ihre Blüten verweht und die unbändige Schar aus Bienen, Schmetterlingen, Käfern, Fliegen und Hummeln, tummelt sich in den Linden. Auch sie verfolgen die Strategie „Gut geduftet ist halb gewonnen“. So lockt man kleine Flieger und die werden wie nebenbei zu Pollenkurieren. Sind die Lindenblüten befruchtet, ist Schluss mit der Saftproduktion, die Nektar-Bar wird geschlossen. Doch bis es soweit ist, ertönt das summende Insektenorchester für einige Wochen. Mein Erlebnistipp: Bei Abendsonne und ausklingenden Alltagsgeräuschen unter dem Baum mit Blick ins Kronendach genießen.

Der Sommerbaum, man glaubt es kaum, ist Lebensquell für hunderte Arten. Rote Hörnchengallen ragen wie kleine Türmchen aus den Blättern, Feuerwanzen hocken am Stamm, Wespenlarven fressen sich fensterartig durchs Blattgewebe, Fledermäuse nutzen Fäulnishöhlen. Es lohnt sich, so eine Linde mal aus der Nähe zu betrachten. Auch für Honigbienen sind die Park- und Alleebäume eine wichtige Weide. Vor allem, weil sie in monotonen Agrarlandschaften nur wenige Blüten vorfinden. Und ja, der Regen. Je besser die Wasserversorgung, umso mehr Nektar für die Pollenboten.

Vom Winde verweht

Ein Teppich aus weißen Wattebäuschen zieht am Beobachtungsturm alle Blicke auf sich. Leuchtend sticht er aus der grüngelben Feuchtwiese heraus und gerade zieht Familie Kranich daran vorbei. Die Küken gedeihen prächtig und jedes der beiden folgt aufmerksam einem Elternteil.

Die weißen Wattebäusche sind für sie uninteressant und nichts anderes als unzählig versammelte Blütenhüllfäden, die den Samen Flugfähigkeit verleihen. Der Wind tut sein Übriges. Wie weihnachtliche Rauschebärte hängen die wolligen Büschel im Wind und werden Stück für Stück wie kleine Fallschirme davon getragen. Wohl kaum eine Pflanze trägt ihren Namen so zurecht wie diese typische Moorpflanze. Die watteweichen Köpfe dienten früher als Füllmaterial für Kissen, stricken kann man mit ihnen allerdings nicht.

Aussichtsturm, Badeinsel und Rastplatz

Die Stürme vergangener Monate haben nicht nur in Wäldern für reichlich Bruchholz gesorgt. Auch an Wegrändern ragen abgebrochene Äste aus der Vegetation heraus und erfüllen Wald- und Wiesenbewohnern so manchen Zweck. Gerade macht ein Schmalbock Station. Seine gelbe Rückenzeichnung hat Signalwirkung, vielleicht pausiert er darum nur kurz. Die Zeichnung bedeutet aber auch: Verschmähe mich, ich bin giftig und kann dir schaden. Die gewisse Ähnlichkeit mit einem Wespenrücken lässt sich nun wahrlich nicht leugnen. Vielleicht wollte der hübsche Bockkäfer auch einfach nur Ausschau nach Doldenblüten halten, deren Pollen er gerne vernascht.

Drei Großlibellen nutzen die trockenen Äste genau solange zum Sonnenbad bis ein patschnasser Eichelhäher den größten Ast anfliegt und sie aufgeschreckt davon schweben. Die großen Drachenfliegen sind hübsch anzuschauen, königsblau, purpurrot oder maisgelb. Je nach Art und Geschlecht verschieden. Wie kleine Hubschrauber verharren sie oft minutenlang in Warteposition. Nun hockt hier der Eichelhäher, um sich nach einem ausgiebigen Tümpelbad zu trocknen.

Wer klappert denn da

Wenn der Klappertopf klappert, ist die Natur im Jahr weit fortgeschritten. Gerade blühen die Wiesenblumen in kräftigem Gelb und dienen vor allem Hummeln als Nahrungsquell. Was man nicht sieht: Die hübsche Pflanze lebt halbschmarotzend und zapft zur Ernährung benachbarte Gräser an. Ganz komfortabel, wäre da nicht das Problem, dass ihr Lebensraum durch Entwässerungen verloren geht. Wo das Umfeld stimmt, erscheint er großflächig in Feuchtwiesen und verwandelt sie in sonnengelbe Blütenmeere. Auch Schmetterlinge wie der Rostfarbige Dickkopffalter saugen am Blütennektar. Die Kommazeichnung auf den Flügeln verrät es: Hier nascht ein Männchen am süßen Saft. Aus den Blüten reifen grüne Kapseln in denen der Samen sicher verwahrt wird. Im späten Sommer ist es dann soweit. Leiser Wind lässt die Samen in ihren trockenen Behausungen klappern. Irgendwann springen sie auf und entlassen die Körnchen auf ihre hoffnungsvolle Reise. Behalten Sie den Klappertopf in Auge und Ohr.

Zukunftsmusik

Mit Beginn des Junis zog Regen ins Land und wir sind gespannt wie es weitergeht. Lieber spät als nie und so hoffen wir neben genussvollen Sommertemperaturen auf seichten Landregen. Die längsten Tage laden nach draußen ein, um dabei zu sein wenn Glühwürmchen leuchten, Fledermäuse jagen und Heuschrecken musizieren. Mauersegler jagen um Kirchtürme und umrahmen die Büroarbeit bei offenem Fenster mit sirrendem Gesang. Welch ein Klang, wenn auch Dohlen am Kirchturm musizieren und der Turmfalke zu seinem pfeifenden Flugruf ansetzt. Nicht zuletzt lassen uns Rauchschwalben schmunzeln, die schwatzend auf dem Dachfirst plaudern. Und ja, Kinderstuben überall. Jungvögel tragen die Zukunft in ihren Flügeln. Noch sind sie von ihren Eltern gut zu unterscheiden. In Sandkuhlen wächst Steinschmätzer Nachwuchs heran, nur wenige bekommen ihn jemals zu sehen. Und hockt mal ein Kleines am Boden, beobachten Sie es mit etwas Distanz. Meist werden sie auch dort von ihren Eltern weiterversorgt.

Fotos: Ricarda Rath