RangerTipps: Wegweiser fürs Naturerleben

Wie überall im Leben ist auch in der Natur der richtige Zeitpunkt von entscheidender Bedeutung. Lesen Sie, was Sie mit etwas Geduld und Glück entdecken können, was bemerkenswert ist in Brandenburgs Natur. Natur erleben nach Jahreszeit mit ganz besonderem Blick, das sind die RangerTipps.

RangerTipps für den Juli

von Ricarda Rath, Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe - Brandenburg.

Heuwiese
Heumonat Juli
Großes Ochsenauge an einer Grasnelke
Das Ochsenauge ist auf eine Kornblume gewechselt
Streifenwanze
Schachbrettfalter
Jungraupe eines Wolfsmilchschwärmers
Seekanne
Der seltene Schillerfalter
Königslibelle
Spechtschmiede
Marienkäfer
Schwebfliege an einer Borretschblüte

Mosaik der Vielfalt

Die Tage werden kürzer, die Farben satter, die Vögel leiser. Halbzeit auf der Jahresuhr. Anfang Juli schweifen die Blicke über gemähte Wiesen, auf denen große Ballen thronen. Der Heumonat hat seinem Namen alle Ehre gemacht und Landwirte haben eingebracht, was sie nur konnten. Nach dem Dürrejahr die Vorratskammern füllen, denn schon wieder ist es viel zu trocken. Der Preis sind blassgrüne Wiesen, kurz und ohne jeden Reiz. Das Auge isst mit, so sagt man und so bin ich froh zu sehen, dass zunehmend kleine Inseln entstehen, die sich hoffentlich bald vernetzen und Festland erobern. Inmitten ihrer Felder geben Bauern Blühstreifen eine Chance und damit einer Vielzahl an Pflanzen und Tieren. Und wo städtische Servicebetriebe gestern noch Parkanlagen und Wohngebietshöfe mähten, legen sie heute auch Blühflächen an. Ein Tropfen auf den heißen Stein? Nein möchte ich optimistisch sein und eine Prognose wagen. Volksinitiativen zum Insektenschutz, Projekte der biologischen Vielfalt und das Insektenschutzprogramm des Landes lassen hoffen, dass aus vielen kleinen Inseln ein artenreiches Mosaik entsteht. Nicht nur ein Augenschmaus, sondern Lebensqualität.

Miniaturwunderwelt

Doch noch immer surren Rasenmäher über monotones Grün, manifestieren sich Steingärten vor unseren Häusern. Wie zementiert findet sich der Ordnungssinn in den Köpfen Vieler, weitergegeben von Generation zu Generation. „ Die Natur ist feindlich, im besten Falle gleichgültig“, kommt mir ein Filmzitat schmunzelnd in den Sinn, Naturentfremdung ist das Stichwort. Wie konnte es geschehen, dass Menschen Natur nicht mehr sehen, lebloses Grün und eintönige Steinschüttungen als schön empfinden? Zeitmangel und pflegeleicht sind oft gehörte Antworten, dabei ist es viel arbeitsintensiver, regelmäßig zu mähen, als einer wilden Wiese ihren Lauf zu lassen. Mein exklusiver Juli-Tipp: Kleine Dschungel auf Augenhöhe erleben.

Natur am Wegesrand

Als ich Anfang des Monats in den Heuwiesen Tagfalter erfasse, geht mein Blick über gemähte Wiesen. Noch vor einer Woche stand ich vor einem Hüfthohen Dschungel aus Gräsern, Labkräutern, Binsen, Simsen, Seggen, Weißklee und Wicken. Nun sind Maschinen daran, die Heuschwaden zu wenden und mir bleibt nur, die Randvegetation unter die Lupe zu nehmen. Entlang der Gräben und dem Waldsaum am Wegesrand. Hier tummelt sich allerhand und auf einem Quadratmeter sind zwanzig Schmetterlinge nun keine Seltenheit. Feuerfalter, Ochsenaugen, Wiesenvögelchen, Weißlinge, Zitronenfalter und Tagpfauenaugen auf Nektarsuche in unzähligen Grasnelken, Kornblumen und Wegwarten. Von einem Grashalm leuchtet mir das Orange einer Streifenwanze entgegen. Ausgestattet mit breiten schwarzen Streifen, die auf Feinde wohl recht bedrohlich wirken. Auch eine Strategie. Dann entdecke ich einen Schmetterling, der wie fest getackert auf einer Blüte sitzt. Geradezu platt gedrückt und unbeweglich. Fragezeichen. Als ich näher komme, löst sich das Rätsel schnell. Ein Ochsenauge ist in den Fangbeinen einer Krabbenspinne gelandet. Nicht immer ist die Größe entscheidend. Fest in ihren Klauen hat sie dem Falter ein Gift injiziert und wird ihn aussaugen. Ein Dschungelkrimi wie er im Buche steht.

Nachtschwärmer im MagerReich

Szenenwechsel. Ein Kniehoher Sandtrockenrasen. Schon von weitem leuchten mir die Farben der gesamten Palette entgegen. Gelbes Labkraut, rosarote Heidenelken, lilablaue Witwenblumen, weißes Seifenkraut, grüne Gräser und so weiter. Ein Schlaraffenland ohnegleichen. In strahlendem Sonnenschein bestimmen Schachbrettfalter die Szenerie. Unverwechselbar, schwarz weiß gefleckt. In Wiesen wie dieser trifft man sie manchmal zu Hunderten an, besonders gern auf lilafarbenen Blüten. Mager ist reich, denn nur auf ungedüngten Wiesen entwickelt sich Vielfalt. Stickstoff gesättigte Fettwiesen bieten nur wenigen Pflanzen Lebensraum, prominentes Beispiel, die Löwenzahnwiese. Und ja, kein Schmetterling ohne Raupe. Das Schachbrett lässt seine Eier einfach zu Boden fallen und geht alles gut, schlüpfen daraus braun oder grün gestreifte Raupen. Wer genau hinsieht, entdeckt im dichten Dschungel der Pflanzenhalme weitere kreative Meisterwerke. Immer gut getarnt, wehrhaft und hübsch anzuschauen. Einmal aufgestöbert, geht es mit detektivischem Spürsinn an die Enttarnung. Wen habe ich noch entdeckt? Die Jungraupe eines Wolfsmilchschwärmers. Frisch geschlüpft gelbgrün, später orange bis tiefrot auf schwarzem Grund. Die auffällige Farbe soll sagen: Halt Stopp, ich bin ungenießbar! Und ja, die Raupen dieses hübschen Nachtfalters laben sich an giftiger Zypressenwolfsmilch, da sollten sich Fressfeinde fern halten. So verraten Raupen die Anwesenheit von Schmetterlingen, die wir nur selten einmal sehen. Kolibriartig schwirren Wolfsmilchschwärmer nach Sonnenuntergang ihre Nektarblüten an. Wie wäre es da mal mit einer Nachtexkursion?

Wasserkannen und Schillerfalter

Gerade drohen auch Nasslebensräume zu Trockenreichen zu werden. Anfang Juli bestimmt eine Schlagzeile die Medienwelt. „Heißester Juni aller Zeiten“. Eine Nachricht, die nachdenklich stimmt. Neue Hitzerekorde in Brandenburg und kaum Regen in Sicht. Da verwundert es nicht, das Kleingewässer trocken fallen, jeden Tag ein bisschen mehr. Und es fällt mir schwer, mich an der Natur zu freuen, die schon bald auf dem Trockenen liegt. Seekannen zum Beispiel. Ihre Schwimmblätter dümpeln auf der Wasseroberfläche, der Wurzelstock darunter bleibt für uns unsichtbar am Grund verborgen. Im Sommer schickt die seltene Pflanze ihre Blüten herauf, die strahlend gelb mit hübschem Kelch irgendwie auch an Kannen erinnern. Und als ich die Schönheit gerade ablichten will, flattert aus den Baumwipfeln ein Schillerfalter herab, streift meinen Arm und lässt sich auf einem Schwimmblatt nieder. Glücksmoment, denn wer ihn kennt, der weiß, dieser Edelfalter ist nur selten zu sehen. Den großen Schmetterling hat der Durst nach unten getrieben, seine schillernd blauen Flügel entfaltet er beim Trinken nicht.

MückenReich

Im Erlenbruch ist der Wasserwald zum Mückenreich geworden und ich frage mich, wie halten dass eigentlich die Rehe aus? Mich umschwirren die Plagegeister wie die Motten das Licht. Mein Blutspendetermin ist doch erst morgen?! Auch hier ist der Wasserstand gesunken und die Trockenheit fordert ihre Opfer. Posthornschnecken liegen zu Hunderten im Schlick. Wohl dem, der fliegen kann. Überall jagen Libellen durch die Luft, wie Hubschrauber mit Propellerflügeln, besonders eindrucksvoll die Königslibelle, groß und stattlich. In der größten Sommerhitze werde ich an karge Wintertage erinnert. Ein Specht hat seinen Tannenzapfen so gut ins Holz gezimmert, das er Monate später immer noch sichtbar ist. Hoch oben, in einem Totholzstamm. Damals zog er die Samen heraus, heute ist sein Speiseplan abwechslungsreicher. Und wer jetzt meint, dass Mücken keinen Nutzen haben, der sollte sich mal fragen, was Fledermäuse so fressen. Nachtfalter ja, aber auch Mücken stehen auf ihrem Speiseplan und auf dem vieler anderer Tiere. Man sagt, eine Fledermaus verspeist während ihrer Flugsaison ein Kilogramm Mücken. So schwer wie eine Zuckertüte. Ein wichtiges Glied in der Nahrungskette also.

Sommergarten

Wer nicht so oft vom Hof kommt, sollte bewusst durch den Garten gehen und sehen, was sich dort alles verbirgt. Gerade schlüpfen Marienkäfer und so ist es nicht verwunderlich, wenn Sie ein knallgelbes Exemplar entdecken, das keine oder nur blasse Punkte trägt. Ein frisch geschlüpfter Käfer, der sich schon bald verändern wird. Aber Achtung: Der gelbe Zweiundzwanzigpunkt ist immer gelb, während der einheimische Siebenpunkt nur Stunden später in strahlendem Rot erscheint. Ein Nützling wie er im Buche steht. Mit Glückspunkten auf dem Rücken und der freudigen Gewissheit, dass bei Marienkäfern Blattläuse ganz oben auf dem Speiseplan stehen. An blühenden Kräutern tummeln sich Bienen, Hummeln, Schwebfliegen und Schmetterlinge auf Nektarsuche. Ob Oregano, Borretsch oder Salbei, sie sind nicht nur dekorativ und gesundheitsfördernd, sondern Weide für unzählige Insekten. An Dill- und Möhrenkraut gedeihen Schwalbenschwanzraupen, dazwischen springen Heupferde und an sonnigen Plätzen genießen Eidechsen die Wärme. So kann es unendlich weiter gehen und wer bewusst schaut, macht sich vertraut, was in seiner Nähe ist. Beim Kleinen Prinzen heißt es: „ Du bist ewig für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast“. Oder auch, nur was man kennt, kann man auch schützen. Wer einen Naturgarten sein Eigen nennt, mit offenen Augen durch die Landschaft streift, sich einlassen und begeistern kann und auf Augenhöhe mit allem Leben ist, wird immer wieder Faszinierendes entdecken. Mal klitzeklein, mal riesengroß.

Text und Fotos: Ricarda Rath