RangerTippsWegweiser fürs Naturerleben

Wie überall im Leben ist auch in der Natur der richtige Zeitpunkt von entscheidender Bedeutung. Lesen Sie, was Sie mit etwas Geduld und Glück entdecken können, was bemerkenswert ist in Brandenburgs Natur. Natur erleben nach Jahreszeit mit ganz besonderem Blick, das sind die RangerTipps.

RangerTipps im Winter

von Ricarda Rath, Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg

Ein Morgen am Strom.
Kraniche im Morgenlicht.
Fledermaus im Winterquartier.
Silberreiher.
Löffelenten.
Mandarinenten.
Zwergtaucher mit gut geschütztem Gefieder.
Teichhuhn.
Teichhuhn, Jungvogel.
Rotmilan.
Nordische Schwäne.

WinterGrün

Kurze Winter, früher Frühling, langer Herbst. Die Jahreszeiten sind längst nicht mehr das, was sie einmal waren. In den letzten einhundert Jahren hat sich die Dezembertemperatur um mehr als ein Grad erhöht. Und auch jetzt, Anfang Januar, ist der Winter nicht in Sicht. Eine alte Weisheit besagt, wenn bis Dreikönigstag kein Winter ist, so kommt er auch nicht mehr. Kein Schnee in Sicht, doch ich hoffe nicht, dass dies so bleibt. Und doch zeigen wissenschaftliche Beobachtungen, dass sie zunehmend milder verlaufen, kurze Kältephasen nicht ausgeschlossen. Der Klimawandel ist in Brandenburg angekommen. Sicher, auch früher hat es Extreme gegeben, aber langjährige Zeitreihen belegen, die Abstände werden kürzer und die Ereignisse häufen sich. Auch in diesen Tagen spüren wir, der Herbst will dem Winter nicht weichen. Kurzen Frost Intermezzos folgen graumilde Tage, begleitet von Sturm und Wind. 

FrühTrompeter

Was für uns winterliche Wunschromantik, ist in der Natur Gesetz. Pflanzen und Tiere im Wandel der Jahreszeiten, der ihren Lebenslauf bestimmt. Warme Winter bringen viele aus dem Takt. Zugvögel zieht es später in den Süden, Winterschläfer kommen einfach nicht zur Ruhe. Auch Kraniche hält es lange in der Region. Wussten Sie schon, dass sie ihre Reiseziele verkürzen? Spätzieher bleiben in Frankreich und landen nicht in den Korkeichenwäldern Spaniens. Manche Glücksvögel verspüren gar kein Fernweh. Und so ist es nicht verwunderlich, das Kraniche mittlerweile ganzjährig zu beobachten sind, vorausgesetzt, das Nahrungsangebot stimmt. Dann hallen die Trompetenrufe der stimmgewaltigen Vögel auch im Januar durch Auen, Felder und Wiesen. Und schon im Februar ruft so manches Paar aus seinem Brutrevier. 

Sorgenkinder

Bei Igeln sind warme Winter vor allem für Jungtiere ein Problem. Igelmütter bekommen immer später ihren Nachwuchs und die Jungen schaffen es nicht, sich ein notwendiges Fettpolster anzulegen. Insekten sind im Spätherbst knapp und Äpfel nicht wirklich eine Alternative. Diese sind für Igel nur dann interessant, wenn sie tierische Untermieter oder Nachbarn haben. Auch die Igelmutter lässt ihre Jungtiere irgendwann im Stich, sie muss sich letztlich ums eigene Überleben kümmern, Gefühle zählen da nicht. Und wer im Spätherbst verzweifelt nach Fressbarem sucht, vernachlässigt auch den Wohnungsbau. Das überlebenswichtige Igelnest entsteht erst spät und wird mit wenig Sorgfalt angelegt. 

Den Augen trauen

Sie glauben es kaum? Und doch sollten Sie Ihren Augen vertrauen. Wer im Winter meint, eine fliegende Fledermaus zu sehen, irrt nicht in jedem Fall. Arten wie Langohren oder Zwergfledermäuse wechseln bei milden Temperaturen das Quartier, von denen sie einige haben. Dann suchen die Nachtjäger Baumhöhlen und ebenerdige Gebäude auf. Wird es kälter, zieht es die Säuger in frostsichere Behausungen, die Keller und ehemalige Bunkeranlagen bieten. Auf dem Weg dazwischen, sind vielleicht ein paar Insekten zu erhaschen. Auch Spinnen werden nicht verschmäht. Und während wir im Überfluss schwelgen, ist in der Natur die entbehrungsreichste Zeit angebrochen, die es zu überstehen gilt.

Wilde WinterWelt

Ein schöner Morgen. Heute gehe ich mit einem rosaroten Sonnenaufgang in den Tag. Raureif ziert Bäume und ihre Blätter am Boden. Magisch zieht es mich hinaus, raus aus dem Haus, hinein in die Brandenburger Wildnis. Schon morgen soll es vorbei sein, Eintagsfliegen Sonnenschein, wie so oft in diesen Tagen.

Am großen Strom steigt Dampf aus dem Wasser auf, die Elbe nimmt ruhig ihren Lauf, einsam steht ein Silberreiher am raureifen Ufer. Langsam steigt die Sonne hinauf und spiegelt sich im eiskalten Wasser. Wie schützende Wächter türmen sich Silhouetten riesiger Bäume auf, die beidseitig das Ufer säumen. Welch eine Ruhe, welch ein Frieden.

Dann zieht es mich zum Nebenfluss. Ein Muss in diesen Tagen, in denen neben nordischen Gänsen und Schwänen, unzählige Enten und Taucher unsere Gäste sind. Manche klein und unscheinbar, andere groß und kurios. Löffelenten tragen ihren Namen zu Recht, wer sie einmal im Fernglas hat, staunt nicht schlecht über den überdimensionalen Schnabel, der einem Löffel gleicht. 

Die Weibchen in schlichtem braun, die Männchen prachtvoller gefärbt. Metallisch grüner Kopf, schneeweiße Brust, kastanienbrauner Bauch. Auf dem Weg von Nordeuropa in den europäischen Südwesten, machen sie Station, oder bleiben sogar. Brandenburger auf Zeit.

Gebirgsstelze
Mauswiesel

Die Wippende

Am Stauwehr mache ich eine andere Entdeckung: zwei kleine Vögel, direkt am sprudelnden Wasser. Meine Augen verfolgen ihren Flug, einer entwischt meinem Blick, dem anderen kann ich folgen. Er landet im Uferschlamm und trippelt sofort durch den Schlick. Lange muss ich nicht überlegen, um wen es sich handelt. Das unaufhörliche Schwanzwippen verrät die Gebirgsstelze, die sich nicht nur in Bergwelten zuhause fühlt. Auch im flachen Land findet der kleine Vogel brausende Wasserbäche und eben auch hier, an einem Staubauwerk, wo das Wasser in die Tiefe stürzt.

Mich scheut er nicht und so hocke ich mich ans gegenüberliegende Ufer und beobachte den rastlosen Sänger, der unaufhörlich nach Nahrung sucht und sie auch findet. Mal so klein, das die Beute nur zu erahnen ist und dann wieder so groß, dass ich den Fang im Fernglas erkenne. Eine Libellenlarve. Hin und her geht es im flachen Morast zwischen Uferböschung und Flusswasser. Mal hüpft sie weitsichtig auf einen Ast, trippelt eilig ans Wasser, um schon kurz darauf wieder im Laubwerk nach Leckerbissen zu suchen. Kreuz und quer fliegen die matschigen Blätter, einen stillen Moment erwischt man kaum. Und weil die rauschende Wassermusik zarte Solistenstimmen übertönt, dient der wippende Schwanz der Kommunikation. Vergnüglich beobachte ich das Treiben, doch es wird noch amüsanter.

Kleiner Räuber

Am Boden raschelt es im Laub. Vertraut. Eine Maus denke ich, schenke dem Ganzen keine Beachtung und konzentriere mich auf die gelbschwarze Stelze am Steilufer. Auch ein Eisvogel lässt sich gerade nieder, Anspannung pur, Konzentration auf den Augenblick. Dabei raschelt es unaufhörlich weiter, schließlich riskiere ich einen Seitenblick und schaue in zwei kleine Knopfaugen, die mich neugierig beäugen. Ein Mauswiesel turnt da neben mir und begutachtet mich mit aufgeweckter Mine. Das Unterholz aus altem Astbruch, Laub und Zweigen ist sein Zuhause und ich - nicht wissend, dass dieses Dickicht einen possierlichen Bewohner hat - habe ich mich bedrohlich genähert.

Das gefällt dem kleinen Räuber nicht und doch überwiegt seine Neugier. Längst bin ich aufgestanden und umrunde den Holzstapel zum dritten Mal. Immer wieder schaut das kleine Wiesel irgendwo heraus aus seinem Haus, als hätte es unzählige Fenster, als wäre es eine Burg, die es zu verteidigen gilt. Und mit einem Blick als wollte es fragen: was willst Du hier, was ist dein Begehr? Ich kann mich kaum sattsehen an diesem niedlichen Ding und doch: Mauswiesel sind echte Räuber, wenn auch die Kleinsten. Lang und schlank passt es in jedes Mauseloch und bringt es locker auf vier bis fünf Mäuse täglich. Der Minimarder ist ein Energiebündel und Hochleistungsathlet. Läuft schnell, schwimmt gut und klettert sogar. Und damit es heute noch ein paar Jagderfolge verzeichnen kann, ziehe ich mich vorsichtig zurück.

Bunter Farbtupfer

Am Hafen der nächste prachtvolle Gast. Genauer gesagt, handelt es sich um zwei Besucher. Das Männchen unverwechselbar und kunterbunt. Rote, orange, blaue, grüne, schneeweiße, goldfarbene und beige Töne finden sich im Federkleid, ein wunderbarer Farbenmix der Naturpalette. Die Schmuckfedern verleihen dem Erpel einen exotischen Glanz. Und ja, in Asien brüten sie auch und kommen dort natürlicherweise vor. In Europa faszinierten die Schmuckenten ihre Betrachter so sehr, dass man sie gern in Parks und Zooanlagen hält. Kälteunempfindlich und standorttreu, ideales Ziergeflügel für das Freiland. Diese beiden hier sind neu. Das Weibchen wirkt farblos an der Seite ihres Begleiters, ist aber wunderschön gemustert. Sind sie irgendwo entwischt, oder bereits ihre Vorfahren? Bei Mandarinenten in Brandenburger Naturlandschaften handelt es sich um Gefangenschaftsflüchtlinge. Bisher habe ich das Pärchen hier nicht gesehen und bin gespannt, ob sie bleiben.

Auf Tauchgang

Nach einer Weile fällt mir ein kleines Federbällchen auf, das ständig unter Wasser verschwindet. Eben noch da und dann wieder weg. Eine Herausforderung für jeden Beobachter. Die Sonne scheint und blendet um die Mittagszeit so sehr, dass ich den kleinen Kerl kaum ausmachen kann. Eben taucht er auf, dann wieder ein, zum Vorschein kommt der Vogel an einer ganz anderen Stelle, einige Meter flussabwärts. Eine anstrengende Sichtverfolgung. Als kleinster unter den Tauchern trägt er seinen Namen zu Recht. Zwergtaucher werden gerade einmal dreißig Zentimeter lang. Im Winter sieht man kleinere Trupps in geschützten Gewässerbereichen. Dort tauchen sie nach Muscheln, Krebschen und dem, was sie erbeuten können. Bei milder Witterung ziehen sie kaum, unterbrechen ihren Weg und sind auf brandenburgischen Gewässern häufig zu beobachten. Und wenn die Wasservögel nicht gerade auf Nahrungssuche sind, verbringen sie viel Zeit mit der Gefiederpflege. Jemand, der ständig auf Tauchgang geht, darf schließlich nicht nass werden. Einfetten ist Pflicht. Und wie praktisch, die „Körperlotion“ haben sie immer dabei. Ein öliges Sekret in der Bürzeldrüse, rund um die Uhr verfügbar. Gut verteilt, schützt es vor Nässe und das Wasser perlt geschmeidig ab.

Allerlei Natur

Allmählich verwandeln sich die kunstvollen Eiskristalle in kleine Wassertropfen, fallen von Zweigen und befreien Schilfhalme von ihrer schweren Last. Es tropft, raschelt und knistert um mich herum, denn sie prasseln auf trockenes Laub und dichtes Schilf. Über mir fällt lauthals ein Schwarm Zeisige in die Erlen ein, sie plündern die Samen.

Auf dem Rückweg leuchten mir knallrote Weißdornfrüchte entgegen, ein Farbtupfer vor blassgrünem Hintergrund. Noch ein Abstecher in den Schlosspark zum Teich. Vorsichtig anschleichen und ja, mein Wunsch wird erfüllt. Die Teichhühner zeigen sich, geben aber gleich Signal und ziehen sich in die schützende Uferregion zurück. Jetzt, außerhalb der Brutzeit, sind sie nicht ganz so scheu. Unter den erwachsenen Rallen ist auch ein Jungvogel, der deutlich am schlichten Federkleid zu erkennen ist. Teichhühner sind Standorttreu und verlassen ihr Brutgewässer erst, wenn es beinahe komplett zugefroren ist. Milde Winter sichern ihren Bestand, dann bleiben sie im Land und lassen sich auf Teichen beobachten.

Roter Adler

Was wäre Brandenburg ohne seinen Wappenvogel? Der Rote Adler, der gar keiner ist, der hoch über Sümpfe und Wälder steigt und nun auch im Winter bleibt? So scheint es jedenfalls. Der Rotmilan, im Brandenburglied unzählige Male besungen, klingt aus vieler Munde und in aller Ohr. Und das nicht ohne Grund. Mehr als fünfzig Prozent des gesamten Weltbestandes brüten in Deutschland. Eine besondere Verantwortung, der sich auch Brandenburger Vogelschützer bewusst sind, die für den Greifvogel Schutzprojekte ins Leben rufen. Als Offenlandjäger fliegt er nicht nur über Wälder, sondern weit über Felder, auf denen er nach Nahrung sucht. Und damit sind wir der Zugfaulheit des Rotmilans auf der Spur. Hier ist es nicht allein die milde Witterung, sondern auch der Mäusereichtum in diesem Jahr. Ausreichend Nahrung, für manche Milane ein Grund, den anstrengenden Zug nicht anzutreten oder zu unterbrechen. Und so ist die Gabelweihe, wie der Rotmilan auch gern genannt wird, am heimischen Winterhimmel ein echter Hingucker.

Aprilfrühling statt Hochwinter

Wie es scheint, bleibt es aufregend, turbulent und wechselhaft. Eher Aprilfrühling als Hochwinter. Hagelschauer und Sturzregen, tiefgrauer Himmel dann wieder Sonnenschein. Kein Pulverschnee, keine Eislandschaft. Auf dem Weltklimagipfel im Dezember hat es kaum Fortschritte gegeben. Konkrete Entscheidungen wurden vertagt. Und das nach einem Jahr intensiver Klimadiskussionen. Dramatisch, was sich gerade in Australien abspielt. Verheerende Buschfeuer mit nie dagewesenem Ausmaß. Ein Kampf gegen Windmühlen, den auch unsere Rangerkollegen vor Ort führen. Tag für Tag. Bis 2050 verfolgt die Europäische Union das Ziel, nicht mehr schädliche Treibhausgase auszustoßen als eingespart werden. Hoffen wir, das sich alle Staaten ernsthaft engagieren.

Wohl denen, die auf leisen Schwingen mit Muskelkraft fliegen, geht es mir durch den Kopf, als ein Trupp Singschwäne melancholisch rufend über mich hinwegfliegt. Einflug ans Schlafgewässer. Und als ich mit dem Sonnenuntergang wieder an der Elbe bin, genieße ich die friedliche Ruhe am großen Strom. Meine Gedanken aber wandern tausende Kilometer über den Ozean in die Flammenhölle. Und ja, ich wünsche mir weltweit Politiker, die den Klimaschutz voranbringen und nicht mit Worten ringen um klägliche Kompromisse zu rechtfertigen. Das Schlusswort haben an diesem Abend unsere russischen Wintergäste. Bläss- und Saatgänse fallen mit lautem Geschnatter in die Elbwiesen ein. Schlafenszeit und auch ich kehre dem Fluss für heute den Rücken mit der frohen Erinnerung an einen erlebnisreichen Tag.

Text und Fotos: Ricarda Rath, Rangerin im Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe