Überall ist Wunderland, überall ist LebenNatur erleben im Frühling

Gelbsterne.

Märzzauber. Himmelblau übermalt der junge Frühling tristes Wintergrau und zaubert Farben, Düfte und Gesänge in die Welt. Gelbsterne strahlen wie kleine Sonnen, zartgrüner Lauch verströmt würzigen Duft und blauviolette Leberblümchen leuchten aus braunem Laub.

Wie der Prinz das Dornröschen, erwecken wärmende Sonnenstrahlen die winterschlafende Landschaft zu neuem Leben. Verkündet von jubilierenden Lerchen, flötenden Amseln, trommelnden Spechten und trompetenden Kranichen. Konzertauftakt und Wiederbelebung wintermüder Sinne. Der Beginn eines uralten Zaubers im Reigen der Natur. Seit Jahrhunderten bewährt und doch immer wieder neu.

Trommelwirbel und Fanfaren

Revierruf.
Paarbindung.
Kranichküken.

Wenn der orange Sonnenball den Silbermond allmählich verblassen lässt, um den Himmel goldgelb zu verzaubern, beenden Fanfaren die Stille der Nacht. Schmetternde Trompeten dringen an mein Ohr, zuvor war es mystisch still. Hunderte Kraniche begrüßen den Tag und künden vom baldigen Aufbruch. Auf dem Frühjahrszug ist der Moorsee ihr sicherer Schlafplatz. Unweit hat ein Kranichpaar sein Brutrevier bezogen und gibt den Mietvertrag lautstark bekannt. Während die anderen noch reisen, sind sie schon mitten in der Balz. Das Morgenkonzert dient der Paarbindung und wird im Duett vorgetragen. Das Männchen beginnt, sein Weibchen stimmt ein. Den Kopf im Nacken himmelwärts gerichtet, synchron nebeneinander schreitend. Majestätisch präsentiert und sehr sehenswert. Anfang Mai werden sie mit zimtbraunen Küken durch die Wiesen streifen. Wenn alles gut geht, sind es zwei.

Auf der Suche nach dem Frühling zieht es mich in den Wald. Kein Laubdschungel der mich ins Verborgene lockt, dafür weithin sichtbare Teppiche. Unzählige Buschwindröschen erblühen in strahlendem Weiß, hier und da sind rosafarbene darunter. Sechs zarte Blütenblätter, in deren Mitte eine Fülle hellgelber Staubbeutel prangen. Hummeln tummeln sich darin und werden zu heimlichen Helfern. Über mir Trommelwirbel. Ein Tusch auf den Frühling? Wohl eher Partnersuche. Unermüdlich klopft ein Buntspecht auf den Totholzast einer Eiche. So rasant aufeinanderfolgend, dass die Einzelschläge zu einem Klang verschwimmen. Der Schnabel sein Trommelstock. Ein echter Dickschädel bewahrt den Instrumentalmusiker vor einer Gehirnerschütterung.

In den flachen Gewässern von Bruchwäldern, Sumpfgebieten, Feuchtwiesen und Mooren kommen sie auch zu Ohren, die Froschkonzerte. Tagelang blubbern sie um die weibliche Gunst und werden doch bald wieder verstummen. Und wie ist das mit dem Himmelblau? Sobald die Vermählung geschehen, ist davon nichts mehr zu sehen. Nach wenigen Tagen ist es mit der Farbenpracht vorbei. Der Konzertbesuch ist an sonnigen Tagen ein Genuss, die Wassermusik der Moorfroschchöre erklingt auf Sonnenbühnen und auch das Leberblümchen verschließt bei Regen seine Blüten. Und doch wünsche ich ihn sehnlichst herbei. Das dritte Trockenjahr in Folge hat seine Spuren hinterlassen. Die Zahl der Amphibien ging drastisch zurück.

Wenn Gewässer austrocknen und mit ihnen der Laich, steht es schlecht um die Frühlingssänger. Besonders alarmierend, die zurückliegende Dekade ist die wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor 140 Jahren. Das vergangene Jahr wird als bisher Zweitwärmstes in die Geschichte eingehen. So gesehen, werden kühlende Regentage Glückstage sein. Schneckenwetter, das Kinder nicht in der Stube hält. Ich wollte nie erwachsen sein.

Bunter Reigen

„Der Mai packt seine Farben aus und malt ganz auf die Schnelle, mir von der Landschaft um das Haus einhundert Aquarelle“. Wie über Nacht verwandeln Wärme, Licht und Regen, triste Wegraine, kahle Hecken und eintönige Wiesen in farbenfrohe Blütenmeere und dichte Pflanzendschungel. Es grünt und blüht, summt und brummt, gaukelt und schaukelt auf allen Etagen.

Frühlingsmotto

Beutelmeise.

Der Frühling ist mein Schlaraffenland unter den Jahreszeiten. Üppig und verschwenderisch, kein Lebensraum, in dem es nichts zu entdecken gibt. Manches auffällig laut, anderes still und leise. Vieles augenscheinlich, manches heimlich. Wie so oft im Leben braucht es den Blick fürs Detail und manchmal gar nicht viel Zeit. Ein bisschen Abenteuerlust und Neugierde, gepaart mit kleinen Auszeiten.

Ein kurzer Halt am Weiher bescherte mir einst das kleine Glück, einer Beutelmeise beim Nestbau zuzuschauen. Ihr unverwechselbarer Ruf hat mich aufmerksam gemacht und die Hausnummer verraten. Hoch oben, im Ast einer Weide. Der Rohbau fertig gestellt, ein Henkelkorb tanzte im Wind. Einen Monat bauen Beutelmeisen an ihrem Meisterwerk, voller Geduld und mit großer Sorgfalt. Zwischendurch wird gesungen. Ob es Vorfreude ist? Jubilieren, flöten und trommeln, gelassen, fröhlich und besonnen, ein schönes Motto wie ich finde, auch für uns.

Fotos und Text: Ricarda Rath, Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe Brandenburg.