RangerTippsNaturbeobachtungen im Sommer

Wie überall im Leben ist auch in der Natur der richtige Zeitpunkt von entscheidender Bedeutung. Lesen Sie, was Sie mit etwas Geduld und Glück entdecken können, was bemerkenswert ist in Brandenburgs Natur. 

Text und Fotos: Ricarda Rath, Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe-Brandenburg

Tatort Tümpel, Wunder Wiese und rätselhafte Reisen in die Nacht

Lange Tage, kurze Nächte, sonnenhell und launig lau. Der Frühsommer ist erfüllt von bezaubernden Düften, malerischen Farben, fröhlichen Klängen und Gesängen. Honigsüße Blüten, strahlend weiße Strände, bunte Pflanzenpaletten. Licht und Leben überall. Wer genau hinschaut und nicht nur sieht, wer lauscht und nicht nur hört, wer verweilt und nicht nur eilt, wird sie erleben. Fantastische Wasserwelten, bunte Wiesendschungel, muntere Kinderstuben. Seelenplätze, an denen wir stille Beobachter sind. Urlaub vom Alltag direkt vor der Tür. Ein Segen in diesen Tagen.

Johanni Weiher

Die Unterwasserwelt ist ein Abenteuer-Tipp für den Sommer.
Geben dem Weiher eine Stimme: Wasserfrösche.
Umrahmen das Ufer goldgelb: Schwertlilien.

Kein Windhauch, keine Seele außer mir. Der verträumte Weiher am Deich besticht mit glasklarem Wasser, auf dem Teppiche blühendweißen Hahnenfußes dümpeln. Das Ufer von goldgelben Lilien umrahmt, daneben Binsen und Simsen. Aus dem Pflanzendschungel lugen vorsichtig Wasserfrösche hervor. Aufgetaucht wie kleine U-Boote, die ihre Lage peilen. Einer nach dem anderen. Ist die Luft rein, wird angestimmt und auf der Wasserbühne ertönt ein tosendes Konzert. Wie Luftballons pumpen die Grünen ihre Schallblasen auf und rufen aus voller Kehle. Es ist, als hätte der Weiher seine Stimme erhoben, von wegen keine Seele außer mir. Hinter dem Deich hauchen Rotbauchunken ihr zartes „Huh“, sanftem Glockenklang ähnlich. Die einen geben ein Platzkonzert, die anderen leises piano.

Ein Schwarm Rotfedern zieht durchs flache Wasser, darüber spiegeln sich watteweiße Wolken in himmelblauer Kulisse. Nicht weit entfernt, lassen mich Flötentöne aufhorchen. Glockenhell und Sommerschön. Der Pirol mit seinem Solo, weich und melodisch, fröhlich und beschwingt. Ein Gute-Laune-Vogel, der obwohl knallgelb, den Meisten von uns verborgen bleibt. Gut versteckt, hoch oben im Kronendach uriger Eichen. Ein schriller Pfiff lenkt meinen Blick zurück aufs Wasser. Gerade noch rechtzeitig, um den schillernd blauen Eisvogel im Uferdickicht verschwinden zu sehen. Der Kingfisher, ob sein Tauchgang erfolgreich war?

Eintauchen in andere Welten

Meine Gedanken wandern unter Wasser und zaubern ein spontanes Lächeln. Wasserdrachen, Monsterlarven, skurrile Skorpione und Wassernadeln, die weder Feuer speien noch stechen, die aber Wunder der Wandlung vollziehen und Jagdstrategien entwickeln, die uns erschaudern lassen. Fangmasken und Greifzangen räuberischer Larven, die in Millisekunden zuschlagen, nachdem sie ausdauernd lauernd im Schlamm verharrten. Schon ein bisschen gruselig das Überleben in der Natur, faszinierend und geheimnisvoll zugleich. Unterwasserdramen, die uns verborgen bleiben und die doch so einfach zu erkunden sind.

Wie viele Tümpeltouren führten mich schon hierher? Teichmolche, Libellenlarven, Wasserskorpione und Stabwanzen, sie alle tummelten sich in großen Lupengläsern und faszinierten unzählige Kinder auf gemeinsamen Keschertouren. Und weil wir nicht auf eigene Fänge angewiesen sind, finden die Forschungsobjekte stets zurück ins kühle Nass. Die Unterwasserwelt erkunden, mein Erlebnistipp für sommerliche Abenteuerstunden.

SommerZenit und Grenzüberschreitung

Wer sieht Schmetterlinge nicht mit Freude gaukeln?
Hier ist es ein Schwalbenschwanz.

Wie schnell sich leuchtendes Grün in sattfarbene Töne verwandelt und die Blüten von heute schon morgen die von gestern sind. Halbzeit auf der Jahresuhr. Der Heumonat ist nun leiser, in den Kinderstuben wird der Nachwuchs gut behütet und heimlich versorgt. Vielerorts schweifen Blicke über gemähte Wiesen, auf Heuballen thronen Greife, halten Ausschau oder ruhen aus. Bussarde, Rotmilane und Turmfalken, Mäusejäger par excellence, zur Freude vieler Landwirte.

In Gärten surren Rasenmäher über sportliches Grün und Vorgärten werden zunehmend zu Schotterbeeten. Darunter Folie, die alles Leben unterdrückt. Heiße Sonnenstrahlen verwandeln die Steine in Hitzespeicher. Ein verheerender Trend und in Zeiten des Klimawandels völlig überflüssig. Wie zementiert paaren sich Ordnungssinn und pflegeleichte Wohnkulisse in vielen Köpfen. Dabei sehen wir Schmetterlinge mit Freude gaukeln und schauen ihnen selig hinterher. Selbst verwehrte Glücksmomente, ohne Blüten keine Falter. Warum nicht ein bisschen Unordnung? Wilde Wiesen brauchen wenig Pflege und bieten viel mehr Freizeit als die Unterhaltung eines monotonen Sportrasens. Kraftstoff- und Lärmersparnis inklusive. Wildnis wieder zulassen, Brandenburgs Naturlandschaften sind ein Beispiel dafür, Ranger-Erlebnistouren Herzenssache.

WiesenWunder

Gespannt streife ich durchs Trockenreich. Kurz über dem Boden fangen meine Augen etwas Kurioses ein. Einen blauen Punkt oder besser Streif, der kaum aufgetaucht wieder verschwindet und dem ich nicht folgen kann. Plötzlich ist er da und wieder fort, um an einem anderen Ort erneut aufzutauchen. Obwohl ich suchend hinterherschleiche, entdecke ich den Landeplatz nicht und weiß doch genau, wer hier wieder gut getarnt am Boden sitzt. Graubraun verschmolzen mit dem Untergrund. Die Blauflügelige Ödlandschrecke flüchtet erst, wenn man ihr sehr nahekommt. Der kurze Sprung offenbart hellblau gezeichnete Hinterflügel, die sie so einzigartig machen.

Die streng geschützte Zauneidechse ist übrigens "Reptil des Jahres" 2020 und 2021.

Ich ändere die Richtung und ziehe mich zurück, da huscht die nächste Bewohnerin durchs Gras. Eine, die Heuschrecken zum Fressen gernhat.

Die Zauneidechse ist auf Beutezug, ein Reptil wie aus der Zeit gefallen, Dinosaurier in Miniatur. Noch ehe ich sie richtig betrachten kann, ist die Eidechse im Lesesteinhaufen verschwunden. Wer geduldig ist, kann sie später beim Sonnenbad beobachten.

Nachtschwärmer

Ein Igel auf nächtlicher Jagd.

Hundstage verheißen Hitze. Wer kann, verkriecht sich und sucht tagsüber schattige Schlupfwinkel auf. Die beste Zeit ist jetzt die Nacht. Stimmungsvoll eingeläutet im Dämmerlicht. Auf hoher Warte singt die Amsel ihr Abendlied. Aus der Ferne klingt der Schlag einer Nachtigall herüber. Heuschrecken geben ihr Zirpkonzert. Ein Igel verlässt sein Pflanzenversteck und stromert lautstark durchs Geäst. Laut schmatzend verspeist er die aufgestöberte Schnecke, welch erstaunliche Geräuschkulisse. Am Graben vollführen Fledermäuse rasante Zickzackflüge. Ein Versuch sie zu zählen, unmöglich. Wie viele Mücken fangen sie in einer Nacht? Pro Tier und Saison soll es ein Kilogramm sein! Dachse und Füchse zeigen ihren Sprösslingen die Welt und auch von Fledermäusen weiß man, dass sie ihrem Nachwuchs in Spätsommernächten den Weg zu den Winterquartieren weisen. Am Kirchturm fliegt eine Schleiereule ein und aus, sie hat noch eine Brut im Kasten. Mit der Morgendämmerung naht die Tagesruhe.