Ein Waldspaziergang mit BildungscharakterUmweltbildung mit Geflüchteten in der Märkischen Schweiz

Durch den Krieg in der Ukraine kommen derzeit viele ukrainische Frauen und Kinder in Brandenburg an – so auch im beschaulichen Waldsieversdorf im Naturpark Märkische Schweiz. Ende April hat die Naturwacht Märkische Schweiz eine erste Umweltbildungs-Aktion mit dieser neuen Zielgruppe unternommen. Hier ein persönlicher Bericht von Lea Potrafke, Rangerin im Naturpark Märkische Schweiz.

Bildkarten erleichtern den Start

Kurz nachdem wir an der Unterkunft der Geflüchteten ankamen, versammelten sich acht Kinder zwischen sechs und 14 aufgeregt und neugierig um uns herum. Meine Kollegin Nora und ich stellten uns mithilfe zuvor übersetzter und ausgedruckter Sätze vor. Die Kinder lasen die Sätze im Chor vor und bestätigten ihr Verständnis durch ein Lächeln. Zum weiteren Kennenlernen spielten wir das allseits beliebte „Ich nenne meinen Namen und ein Tier dazu“ mit deutsch-ukrainischen Bildkarten.

Anschließend liefen wir mit Juri, Sofia, Marta und Co. los in den nahegelegenen Wald. Unser Ziel war es, den Kindern ihre neue Umgebung zu zeigen und ihr Interesse für den Naturraum zu wecken. Als wir im Wald ankamen, machten wir eine kurze Pause an einem Bach.

Während die Kinder über ihre eingepackten Müsli-Riegel herfielen, entdeckte ich ein großes Feld Knoblauchrauke. Mithilfe der App „Sprechender Übersetzer“ konnte ich den Kindern die Pflanze zeigen, erklären und sie zum Probieren ermutigen. Die Kids waren total begeistert von der essbaren Pflanze und wollten sofort wissen, wo diese wächst. Auf unserem weiteren Waldspaziergang, schlichen wir wie die Füchse leise durch den Wald, galoppierten wie die Rehe, lauschten einer Blaumeise beim Singen, beobachteten einen Aurora-Falter, entdeckten Schuppenwurz, Schöllkraut, Fledermaus-Kästen, Spechthöhlen und noch vieles mehr. Die Kinder hatten großen Spaß daran, die Natur an ihrem neuen Wohnort zu erkunden. 

Gemeinsam eine gute Zeit

Dank der App „Sprechender Übersetzer“ konnten wir erstaunlich gut miteinander interagieren und dadurch auch viel zeigen und erklären. So klappte sogar die partizipative Entscheidungsfindung, welchen Weg wir zurück gehen wollten. Auch waren die Kinder es schon gewöhnt, dass man per Übersetzer-App mit ihnen kommuniziert und machten deutlich, wenn sie etwas in unsere Handys sprechen wollten.

Die Kinder waren sehr aufgeschlossen, interessiert und gut gelaunt. Sie erzählten zwischendurch auch von ihrem Leben in der Ukraine und ihrem neuen Alltag in Waldsieversdorf und hatten Spaß dabei uns das Zählen auf Ukrainisch beizubringen oder uns den Unterschied zwischen „дерево“ und „Ялинка“ (gesprochen etwa: „derevo“ und „jalinka“), was beides „Baum“ bedeutet, beizubringen. Zugegebenermaßen habe ich den Unterschied bis heute nicht verstanden, aber dennoch hatten wir viel Spaß zusammen.

Um Kriegserinnerungen zu vermeiden, verzichteten wir bewusst auf Spiele wie Verstecken oder Fangen. Dadurch war unser Angebot zwar methodisch nicht besonders abwechslungsreich, doch das Wandern und gemeinsame Beobachten hat an diesem Tag vollkommen ausgereicht, um allen eine gute Zeit in der Natur zu bereiten. Nichtsdestotrotz empfehle ich, vor allem für Notfälle, eine Person dabei zu haben, die ukrainisch und englisch/deutsch spricht. In unserem Fall war das eine ältere Schwester, die gelegentlich mal übersetzt hat.

BNE in zweifacher Richtung

Nach dieser Erfahrung kann ich nur jeden ermutigen, Kontakt zu den Geflüchteten zu suchen. Mithilfe von Händen, Füßen, Bildern und technischen Hilfsmitteln ist vieles möglich. Die Dankbarkeit der Kinder, neue Kontakte zu knüpfen und mal aus ihrem Alltag rauszukommen, motiviert mich sehr, auch in Zukunft mit der Geflüchteten-Unterkunft zusammenzuarbeiten.

Außerdem konnte ich feststellen, dass die Überwindung, zum ersten Mal mit einer Zielgruppe aus einer ganz anderen Lebensrealität trotz Sprachbarriere zusammenzuarbeiten, auch meine eigene Toleranz und Offenheit gefördert hat - und da auch das elementare Kompetenzen der Bildung für nachhaltige Entwicklung ist, hatte der kleine Waldspaziergang mit den ukrainischen Flüchtlingskindern doch einen intensiven Bildungscharakter - auf beiden Seiten.