Naturschutz durch BeweidungNutzung fördert Artenvielfalt

So unterschiedliche Lebensräume wie Trockenrasen, Niedermoore, Heideflächen oder Feuchtwiesen haben zwei Dinge gemeinsam: Sie gehören zu den artenreichsten Gebieten Mitteleuropas und entstanden durch eine jahrhundertelange Nutzung zum Beispiel als Weide.

Eine extensive, kleinbäuerliche Bewirtschaftung ist heute nicht mehr rentabel. Werden die Flächen aber nicht mehr genutzt, wachsen sie zu: Typische und teils hochspezialisierte Pflanzen oder Tiere verschwinden. Viele der früher häufig vorkommenden Arten wie die Wiesen-Küchenschelle oder die Sand-Silberscharte sind heute vom Aussterben bedroht.  

Um Offenlebensräume und ihre Artenvielfalt zu fördern und zu erhalten, setzen wir auf Beweidungsprojekte. Schafe, Ziegen, Rinder und manchmal auch Pferde oder Esel dienen als Landschaftspfleger und Artenschützer. Bei einer extensiven, angepassten Beweidung gehen Schutz und Nutzung Hand in Hand.

Schafe beißen Gräser bis zum Grund ab. Lichthungrige Trockenrasenpflanzen haben weniger Konkurrenz. Im dichten Fell und an ihren Klauen bleiben Samen hängen und werden weitergetragen. Durch ihre Tritte entstehen offene Bodenstellen, in denen die Samen sehr gut keimen können. Foto: J. Müller
Ziegen halten nicht nur das Gras kurz. Sie verbeißen auch Gehölze und verhindern so, dass die nur noch kleinflächig vorkommenden Trockenrasen verbuschen, also zuwachsen. Foto: J.. Müller
Auch bestimmte Pferderassen kommen zum Einsatz. Die sonnigen, offenen Stellen, die durch ihr Wälzen entstehen, bieten Lebensraum für viele Wildbienenarten und andere Insekten. Foto: M. Zauft
Für die Ganzjahresweide eignen sich die robusten, genügsamen Heckrinder. Wichtig: Nahrungsansprüche, Verhalten und bevorzugte Lebensräume müssen passen. Foto: M. Kreiling
Wasserbüffel eignen sich beispielsweise gut für nasse Flächen. Sie verhindern zum Beispiel, dass Feuchtwiesen unter Schilf und Grauweiden verschwinden. Foto: J. Müller

Chancen für konkurrenzschwache Arten

Vorbild sind die historischen Extensivweiden und Hutungen Mitteleuropas. Anders als bei einer Mahd werden nicht alle Pflanzen großflächig und zur gleichen Zeit geschnitten, sondern partiell von Weidetieren gefressen. Was banal klingt, ist entscheidend: So bleiben immer Rückzugräume oder Deckung für Bodenbrüter und ihre Gelege, für Amphibien und Insekten. Es kommt weder zu einer mechanischen Schädigung der Tiere, noch zu einem abrupten Totalausfall des Blüten- und Futterangebots.

Begriff: Hutelandschaft

Die historische Weideviehhaltung (Hute oder Hude leitet sich von hüten ab) gestaltete in einem permanenten Wechsel von Abfressen und Neuwachsen ein Mosaik aus unterschiedlichen Entwicklungsstadien der Landschaft. Gebüsche und Stauden wachsen neben mächtigen, meist einzelstehenden Bäumen oder Baumgruppen. Wo stark beweidet wurde, hinterließ der Verbiss der Tiere Weiderasen. Hier finden sich oftmals auch offene Bodenstellen. Wegen ihrer vielfältigen Strukturen sind diese fast schon parkähnlich aussehenden Kulturlandschaften sehr artenreich und besitzen eine enorme biologische Vielfalt. 

Sand-Silberscharte. Ihre Pfahlwurzeln reichen bis zu 2,5 Meter tief in die Erde. In Brandenburg ist sie vom Aussterben bedroht. Foto: S. Luka

Große Weidetiere fördern durch ihre Weideaktivität den floristischen Artenreichtum insbesondere durch die Regulierung der Konkurrenzverhältnisse: Sie fressen hohe Gräser und schaffen Licht und Raum für niedrigwachsende und konkurrenzschwache Blütenpflanzen. Weidetiere, die an Ästen, frischen Trieben und Rinde knabbern, schränken die Gehölzsukzession ein. Aus Trittschäden und Wälzstellen werden kleinflächig Rohbodenstandorte. Hier können spezialisierte Pflanzen keimen und Wildbienen, Laufkäfer sowie andere Tiere finden einen Lebensraum. Auch zur Vernetzung von Lebensräumen tragen Weidetiere bei: Durch die Entwicklung von Triftwegen wird der Biotopverbund zwischen einzelnen Standorten verbessert. Im Fell der Schafe und Ziegen, die zum Beispiel Heiden und Trockenrasen offen halten, verfangen sich Samen oder kleine Tiere und werden weiter transportiert.

Die Rotbauchunke ist durch den Verlust geeigneter Laich- und Nahrungsgewässer deutschlandweit stark gefährdet. Foto: Frank Leo/focus natur

Eine angepasste Beweidung kann auch im Amphibienschutz eine Rolle spielen. Weidetiere können Uferbereiche von Kleingewässern offen halten, ohne diese zu stark zu beinträchtigen: Sie drängen Röhrichte zurück und schränken auch hier die Gehölzsukzession ein. Die Vegetation bleibt niedrig, es bilden sich unterschiedliche Ufer- und Flachwasserzonen. Hier kann sich das Wasser zur Laichzeit im Frühjahr stärker erwärmen, wodurch sich Laich und Larven schneller entwickeln. Die Huftritte genügsamer Rinder in Wassernähe bilden außerdem kleine, feuchte Vertiefungen, die Amphibien ebenfalls zum Laichen nutzen. 

Selbst der Dung der vierbeinigen Landschaftspfleger wirkt sich positiv auf die Artenvielfalt aus. Viele Insektenarten sind darauf angewiesen: Dungkäfer, Kurzflügler oder Fliegen ernähren sich vom Kot der Weidetiere oder legen dort ihre Larven ab. Bis zu 120 Kilo Insekten können sich so pro Jahr und (großem) Weidetier entwickeln! Eine erhebliche Menge an Biomasse, die einen wesentlichen Beitrag zum ganzjährigen Nahrungsangebot darstellt: Diese Insekten sind Nahrung für insektenfressende Vögel, Amphibien, Reptilien aber auch für Säugetiere wie Fledermäuse. 

Beispiele aus der Praxis

Eine dauerhafte Nutzung mit Schafen und Ziegen

Die traditionelle Nutzung verhindert ein Vergrasen und Zuwachsen der Trockenrasen. Die Tiere transportieren Samen im Fell von Fläche zu Fläche, treten sie in den Boden und fördern so die Verbreitung der Trockenrasenpflanzen.

Um Trockenrasen für die Zukunft zu erhalten, werden im EU LIFE-Projekt Trockenrasen neben anderen Naturschutzmaßnahmen auch dauerhafte Nutzungen etabliert und ausgeweitet. In mehreren Gebieten weiden verschiedene Schaf- und Ziegenrassen wie Guteschafe, Skudden, Jakobsschafe, Heidschnucken, Schwarzkopfschafe, Bentheimer sowie Thüringer-Wald- und Deutsche Edelziegen.Auch Robustrinder oder bestimmte Pferderassen kommen in manchen Gebieten zum Einsatz. Je nach Fläche stehen die Tiere dort einige Tage bis wenige Wochen. Dabei leisten wir unter anderem Anschubhilfe bei der erstmaligen Nutzung brachgefallener Flächen - alles im Rahmen eines mehrjährigen Projektes.

Ganzjährige Beweidung mit robusten Rinder- und Pferderassen

Hier sind Hereford-Rindern zu sehen. Durch die Beweidung wird sich diese Landschaft zu einem Hot Spot der biologischen Vielfalt entwickeln. Foto: M. Jung

Im Projekt Weidelandschaft Meuro wollen wir auf unseren Stiftungsflächen im EU-Vogelschutzgebiet „Lausitzer Bergbaufolgelandschaft“ (Landkreis Oberspreewald-Lausitz) eine halboffene und extensiv genutzte Ganzjahresweide etablieren. Das Ziel ist, die wertvollen Offenlandlebensräume zu sichern und damit die Situation für europaweit geschützte und deutschlandweit bedrohte Vogelarten wie Braunkehlchen, Steinschmätzer, Wiedehopf oder Sperbergrasmücke zu verbessern. Wir setzen dabei auf eine ganzjährige, extensive Beweidung mit robusten Rinder- und Pferderassen. Nachdem der erste von zwei geplanten Weidekomplexen im Mai 2023 eingerichtet wurde, stehen nun 25 Hereford-Rinder eines regionalen Landwirtschaftsbetriebs auf einer Fläche von 80 Hektar.

Beweidung im Amphibienschutz

Das Ziel ist eine naturnahe Standweide mit robusten Rinderrassen. Ein großzügiges Verhältnis von Tier zur Fläche ist dabei eine Grundvoraussetzung.

Die Ziethener Heide ist eine parkähnliche hügelige Hutelandschaft: Weiderasen und Hecken, Gebüschinseln und Solitärbäume wechseln sich ab, auch einige Kleingewässer gibt es. Lesesteinhaufen und liegendes oder stehendes Totholz ergänzen das Mosaik an Lebensräumen. Sie entspricht dem Leitbild einer "halboffenen Weidelandschaft" , ist ein besonders wertvoller Standort für zahlreiche Vogelarten des Offenlands und fast eine Ideallandschaft für Amphibien. Durch behutsame Eingriffe zugunsten der Kleingewässer und eine angepasste Beweidung erhalten wir diese besondere Stiftungsfläche und fördern eine vielfältige, standortgerechte Flora auf frischen und trockenen Standorten.

Esel-Beweidung auf Magerrasen

Esel unterschiedlicher Rasse beweiden mehrmals im Jahr den kleinen und großen Eichwerder. Foto: M. Jung

Auf den Eichwerder Moorwiesen, einer Stiftungsfläche zwischen den Gemeinden Glienicke/Nordbahn sowie der Berliner Stadtgrenze beweiden die Esel des Vereins Esel-Freunde im Havelland e.V. die sandigen und trockenen Höhenzüge im FFH-Gebiet. Auf dem sogenannten Eichwerder – "Werder" bedeutet Erhebung oder Insel – gedeihen seltene und landesweit gefährdete Trockenrasenpflanzen, das Kleine Habichtskraut zum Beispiel und das Berg-Sandglöckchen. Die Esel dämmen auf der Stiftungsfläche den Grasbewuchs ein und erhöhen damit die Artenvielfalt. Sie können auch harte Gräser und sogar verholzte Stauden verwerten.

Nachhaltigkeit durch Beweidung

Hirschplantage: Hier halten Schafe und Ziegen die Wasserfläche langfristig offen. Über natürliche Sukzession aufgekommene Eichen sind gegen Verbiss geschützt, ebenso die Baumbestände, die jeweils nördlich an die Kleingewässer anschließen.

Eine angepasste Beweidung ist ein Schritt von mehreren auf dem Weg Richtung mehr Naturnähe. Zum Beispiel, wenn wir Kleingewässer für Amphibien wiederherstellen: In direkter Nähe der Oder nördlich von Eisenhüttenstadt erstrecken sich in der Ziltendorfer Niederung die „Freiwasserinseln“ und die „Hirschplantage“, zwei unserer Stiftungsflächen. Hier wurden sämtliche Kleingewässer als Lebensraum für Rotbauchunke, Kammmolch und Moorfrosch saniert und im unmittelbaren Gewässerumfeld Totholz- und Lesesteinhaufen aufgeschichtet. Um die beiden Flächen nachhaltig zu bewirtschaften und zu pflegen, konnten wir Weidetierhalter gewinnen. Auf den Trockenrasen der „Hirschplantage“ fressen nun Schafe und Ziegen – stets begleitet durch die wachsamen Augen ihrer Herdenschutzhunde. Das Feuchtgrünland auf den „Freiwasserinseln“ wird von Rindern beweidet.

Beweidung macht den Anfang

In zwei Weidegängen haben Schafe die Flächen gepflegt, also Efeu und anderen Aufwuchs gefressen und mit ihren Spalthufen offene und lichte Bereiche geschaffen – als ideales Keimbett für die Graue Skabiose. Foto: M. Mohn

Manchmal macht die Beweidung eine Wiederansiedlung bedrohter Arten überhaupt erst möglich: Durch veränderte Nutzungsformen und Nährstoffeinträge sind die ehemals offenen Lichtungenam Großmachnower Weinberg nach und nach zugewachsen. Konkurrenzstarke Arten wie Efeu, hochwüchsige Gräser oder nicht-heimische Arten wie die Spätblühende Traubenkirsche haben schwächere Pflanzen wie die Graue Skabiose überwuchert und verdrängt. Daher mussten zunächst 20 Skudden die Pflanzungen auf einer rund einen Hektar großen Fläche vorbereiten.

Enge Kooperation sichert Erfolge

Mit einer Muhack-Raupe wurden Erlen und Stubben entfernt, die Bodenvegetation blieb weitestgehend geschont. Der Pächter setzt die Beweidung fort. Foto: J. Ruffer

Wie wichtig aber auch die enge Zusammenarbeit mit unseren Pächtern ist, zeigt dieses Beispiel: Auf den Melangsee-Wiesen stehen Schottische Hochlandrinder, um den Erlenaufwuchs in Schach zu halten. Diese robusten Rinder kommen bestens mit einem nassen Untergrund und nährstoffarmem, grobem Futter zurecht. Die Beweidung schafft ein Mosaik aus Kleinstlebensräumen für Bekassine und Kiebitz, für Moose und Orchideen. Auch die für kalkreiche Niedermoore typischen Strukturen – die kleinen Erhebungen (Bulten) und wassergefüllten Vertiefungen (Schlenken) – bleiben durch die Beweidung erhalten. Nach drei trockenen Sommern schafften es selbst 20 Tiere nicht, die stark gewachsenen Erlen zurückzudrängen. Wir haben eine maschinelle Mahd organisiert, anschließend übernahmen wieder die Hochlandrinder unseres Pächters.

Unterstützung für Pächterinnen und Pächter

Die extensive Beweidung übernimmt also eine Schlüsselfunktion für den Ablauf natürlicher Kreisläufe und Prozesse. Grundvoraussetzung ist dabei ein großzügiges Verhältnis von Tier zur Fläche, damit ein vielfältiges und dynamisches Landschaftsmosaik entstehen kann.

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